Vom süßen, wilden Leben

Ich rieche noch den Duft des süßen, wilden Lebens,

wir tanzten barfuß durch die Nacht

und schliefen unterm Sternenhimmel bis zwölf Uhr mittags auf deinem Dach.

Aber hey, wonach sollten wir auch streben?

Der Strand war unser neues Zuhause.

Wir ließen uns einfach treiben,

wie ein verlorenes Stück Holz im türkisfarbenen Meer.

 

Oh, dieses wilde, süße Leben,

es forderte unsere Energie und boxte uns.

Im K.O. flogen wir auf die Matte, wie Klitschko in der 11. Runde.

Dann stützten wir unsere vollen Köpfe auf die leeren Gläser und Weinflaschen,

und leerten die noch viel leereren Taschen

aus.

Trockneten nachts auf Balkonen verheulte Augen,

wenn ein Kuss nicht hielt,

was doch versprochen war.

Nachts, um halb zwei, vor der Bar.

Wieso kann man nicht festhalten, was nicht verloren gehen soll?

Weil Jan andere Pläne hatte. Und Tom. Und Felix, der sowieso.

Und wir ja auch, irgendwo.

Was gehen möchte, geht.

Und was bleiben möchte, das bleibt.

Hört sich an wie ein fader Spruch aus dem Poesiealbum?

Glaub mir, es klingt ehrlich traurig, auf dem Klavier, in d-Moll.

 

Und ich höre ihn noch, den verlockenden Ruf dieses süßen, wilden Lebens,

wir dachten weiter als zur Graffitiwand,

doch nie bis zum Morgengrauen – so mit Hand in Hand.

Und schon gar nicht bis zum nächsten Jahr.

Stattdessen zelebrierten wir unsere Unabhängigkeit.

Waren wie Raketen dem Firmament so nah.

Und wussten doch genau: Irgendwann bindet sich auch jeder noch so freie Luftballon

an einen Zweig oder vielleicht auch an einen rostigen Laternenmast.

Irgendwann heißt es „bye-bye Junimond“ – ja Echt.

Für uns alle – okay, oder fast.

 

Das wilde, süße Leben,

zwinkerte uns verheißungsvoll zu,

und drehte dann langsam, ganz langsam die Musik leiser,

wie der DJ beim letzten Song,

bevor es nach Hause geht – alleine oder zusammen.

Ihr wart bereit, als der Ernst des Lebens im feinen Hemd,

auf der Tanzfläche erschien – die Haare zur Seite gekämmt.

Ihr haktet euch unter und sangt im Chor: „Es ist Zeit, mein Kind. Wir werden ja alle nicht jünger!“

Ich blickte euch nach – mit halbleerem Glas in der Hand rief ich heiser:

„Wir müssen nicht, wenn wir nicht wollen!“

 

Und weil eure Uhren so schrecklich laut tickten,

dass keiner mehr schlafen konnte und die Mütter schon die ersten Kinderschuhe strickten.

Fand sich, was zusammengehörte,

oder – sollte ich eher sagen – was keinen sonderlich störte?

Gefestigt ging es jedes Wochenende zum Möbelkauf,

Bäuche wuchsen im Dauerlauf.

Und es verschwand die Erinnerung an das süße, wilde Leben.

Flackerte nur hin und wieder auf, wenn das jetzige Leben zu arg kratzte –

in euren Träumen.

 

 

 

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