Von sehr weit her

Fast hätte ich dich nicht erkannt. Du lachst unbeschwert in die Kamera. Dein Gesicht, deine Mimik, deine Kleidung – ich kenne all das so gut.

Ich sehe Szenen mit dir, die ich schon fast vergessen hatte. Ich höre deine Gedanken, laut. Kann sehen, wovon du träumst, was du liebst. Deine größten Ängste liegen vor mir wie ein offenes Buch. Ich kenne jede einzelne deiner Bewegungen in- und auswendig. Und frage mich doch: Wer ist dieser Mensch? Vertraut und doch so weit entfernt. Du bist aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Deine Gedanken sind nicht mehr meine. Die Linien um deine Augen sind ein wenig feiner. Und deine Sorgen, die dich nachts wachhalten, kommen mir plötzlich so unbedeutend vor. Wie deine kleine, heile Welt, von der du dachtest, sie würde für immer dein zuhause bleiben. Ein zu eng gewordener Schuh, aus dem man schon lange herausgewachsen ist. Du trägst den Schuh noch an deinem Fuß – aus Angst, dass ein neues Paar nicht passen könnte? Angst. Wovor eigentlich? Vor dem Leben? Was hast du erwartet? Hast du gedacht, das war’s, ich richte es mir mal gemütlich ein? Oder hast du geahnt, dass da noch etwas anderes, viel Größeres auf dich wartet? Dass das Leben andere Pläne mit dir hat?

 

Ich stelle mir vor, wie wir uns begegnen. Es ist ein warmer Sommertag. Wir sitzen auf einer Parkbank und halten die Gesichter in die Sonne. Wie zwei alte Freundinnen, die sich lange nicht gesehen haben und noch so viel verbindet. Wir lachen über dieselben Dinge. Mögen die gleichen Sachen. Haben uns viel zu erzählen. Du hast die gleichen Ansichten wie ich. Nur manchmal, wenn ich von mir erzähle, von meinen Zielen, wie ich lebe und von dem, was ich erlebt habe, dann sehe ich für einen kurzen Moment so etwas wie Ehrfurcht in deinen Augen aufblitzen. Dann sagst du Sätze über das Leben, die mir vertraut vorkommen. Wenn du da so erzählst, frage ich mich, wie du sie verstanden hast. Mit dem Kopf. Oder mit deinem Herzen.

 

Als es zu dämmern beginnt, ziehen wir unsere dünnen Strickjacken über die Schultern und umarmen uns zum Abschied. Du drehst dich um und gehst, ohne dich noch mal umzudrehen. Ich sehe dir nach – und gehe dem feuerroten Sonnenuntergang entgegen.

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