Zeit, aufzuräumen

Da warst du plötzlich.

Hast entspannt auf der Bank auf dem Steg am Wasser gesessen – deinen Blick mit geschlossenen Augen in die Sonne gerichtet.

Abgelenkt von dieser Sinnlichkeit, hab ich einen Moment nicht aufgepasst. Und du hast wie im Vorbeigehen meine Tür geöffnet.

Bist eingetreten, in mein Leben. Und in mein Herz.

Stolz und selbstsicher. Als wüsstest du, was dich erwartet.

Ohne zu wissen, wer ich bin.

Ohne zu fragen, ob ich das kann.

Hast mit deinen aufmerksamen Augen und deinem wachen Verstand, der nie schläft,

scheinbar genau nach den Verletzungen und Ängsten gesucht,

die ich doch schon so lange versucht habe, zu begraben.

Die ich nicht mehr ansehen und noch weniger spüren wollte.

Doch das war dir egal.

Du hast sie sofort entdeckt. Wie sie lauernd kauerten, in ihrer Ecke.

Bist mit beschwingtem Schritt auf sie zu gegangen und hast sie mit leiser, aber bestimmter Stimme heraus ins Licht gefordert.

Da stehen sie jetzt, aufgereiht, an der Steinmauer. Kalt und weiß wie sie. Erstarrt vor Angst – wie konntest du nur? Sie ächzen unter der plötzlichen Entblößung eines Fremden – und fürchten um ihr Leben. Zu Recht.

Erkenntnis. Wahrheit. Scham.

Ich fühle mich wie ein wilder Löwe, den man versucht, einzufangen. Es brüllt laut auf in mir und gleichzeitig bin ich unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Über das, was da gerade mit mir passiert. Während du einfach nur dastehst. Und mich herausfordernd ansiehst.

Alles wäre gerade möglich: Nach vorne preschen. Mich leise entziehen. Bestimmt und reflektiert erläutern, wer zu was nicht bereit ist. Und warum. Ich habe ein Dutzend Lösungen parat – fein säuberlich ausgearbeitet und dokumentiert. Bis auf eine. Die kenne ich nicht. Noch nicht.

Aber bei dir funktioniert keine einzige meiner Strategien. Als wenn man versucht, mit einem falschen Schlüssel die Haustür aufzuschließen.

Mein Blick wendet sich suchend nach hinten. Wie so oft. Oh ja. Das gute, alte Spiel – es ist mir so vertraut.

Ein Knopfdruck würde genügen und ich wäre zurück – in meiner schönen, heilen Welt. In der mich niemand verletzen kann.

Da winkt sie mir auch schon verführerisch zu – die vertraute Flucht.

Wie oft habe ich mich schon auf ihren Rücksitz geschwungen, es mir gemütlich gemacht, mich leicht gefühlt in trügerischer Sicherheit, die offenen Haare im Fahrtwind flattern lassen und gedacht: „Puh, noch mal Glück gehabt. Schnell zurück nach Komforthausen!“

Doch so einfach das in diesem Moment wäre, genau so sehr weiß ich: Nicht wieder. Nicht jetzt. Nicht mit dir.

So sehr es mich an meine Grenzen bringt, so groß ist der Wunsch, zu bleiben. Bei dir. Mit dir.

Selten so gespürt. Noch nie so gespürt.

Ich drehe mich um. Flucht und Angst stehen Arm und Arm. Die ineinander verschränken Hände verzweifelt über den Kopf zusammengeschlagen, zeigen sie mit den anderen stellvertretend auf die Stellen, wo ihre eigenen Herzen laut und ängstlich schlagen.

Sie ahnen nicht, wie gut ich sie verstehe. Weil sie ich sind und ich sie bin. Aber es ist vorbei. Ich nicke ihnen aufmunternd zu – und wende mich um. In die entgegen gesetzte Richtung.

Denn du hast etwas entdeckt in mir. Etwas, das sich so unfassbar lange, ganz leise versteckt hielt. Und das dabei laut mein Leben bestimmt hat.

So viele Boten wurden mir schon geschickt. Nachrichten, die ich nicht lesen konnte, weil ich sie nicht verstehen wollte. Nicht konnte. Erst jetzt bin ich dazu bereit.

Das Leben kann nur vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden werden.

Endlich ist es an der Zeit, aufzuräumen.

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