Mehr als nur ein Teil von mir

Ich öffne die Tür. Es ist dunkel und ich gehe die lange, enge Wendeltreppe hinunter.

Plötzlich stehe ich in ihrem Zimmer. Es ist ihr Zimmer, das weiß ich von der ersten Sekunde an. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch mit Blick aus dem Fenster. Die strohblonden Haare sind zu zwei Zöpfen zusammengefasst. Der Pony liegt ein wenig verwuschelt auf der hohen Stirn. Sie hat mir den Rücken zugewandt. Bemerkt mein Eintreten nicht. So vertieft ist sie in ihr Tun, schreibt sie mit einem Stift auf ein großes, weißes DIN A 4 Blatt.

Ich trete an den Schreibtisch heran und blicke ihr über die Schulter. In schönster Schreibschrift malt sie hingebungsvoll Buchstabe um Buchstabe auf das Papier. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, beißt sie sich in voller Konzentration auf die blutrote Unterlippe. Sie sieht so friedlich aus. So erfüllt. Ihre linke Hand ruht auf dem Papier. Finger an Finger sind ordentlich nebeneinander aufgereiht – so, als würden sie nichts anderes tun. Tagein. Tagaus. Als wären sie willkommen in dieser Welt. Aber ich weiß es besser. Denn ich kenne diese Hand. Die Geschichte. Und vor allem kenne ich dieses kleine Mädchen.

Ganz vorsichtig berühre ich ihre Schulter. Sie zuckt leicht zusammen und dreht sich erschrocken zu mir um. Unsere Blicke treffen sich. Ohne eine gesprochene Silbe verrät sie mir, dass sie gerade von sehr weit hergekommen ist. Ich blicke in ihre tiefgrünen, leicht gesprenkelten Augen, die ihre Oma ihr vererbt hat, und tauche für einen kurzen Moment ein in ihre Welt. Das Leben eines kleinen Mädchen, das überquillt vor Liebe, Neugier und Begeisterung. Und Unsicherheit. Ich sehe Szenen im Zeitraffer. Erlebnisse und Menschen, die ihr sagen, dass sie nicht gut ist, so wie sie ist. Ich sehe ihre Verwirrung, ihr Unverständnis darüber. Ihren fragenden Blick. Und wie sie den Worten schließlich Glauben geschenkt hat. Fest entschlossen, sich von nun an lieber zu schützen als sich der großen, weiten Welt da draußen so zu zeigen wie sie ist. Aus Angst, dass es wieder passiert. Dass sie im Tiefsten ihres Herzen getroffen wird und jede neue Verletzung mehr schmerzt als die vorherige. Was weiß denn schon eine kleine Seele vom Leben?

Ich kenne diese Szenen, diese Gedanken und schmerzhaften Gefühle. Ich habe sie selbst erlebt, bevor ich sie vergraben habe – irgendwo ganz tief in mir.

Ich streichele ihren Kopf und nehme sie in den Arm. „Keine Angst“, flüstere ich ihr zu, während mir Tränen über die Wangen rollen. Ihre anfängliche Scheu ist verflogen und sie fällt mir in den Arm. „Da bist du ja endlich“, flüstert sie zurück. „Ich habe schon so lange auf dich gewartet“. „Ich weiß“, sage ich, während ich fest ihre Hände drücke. Beide. “Du bist jetzt in Sicherheit. Ich bin da.“

 

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