Das déjà-vu-Ende

„Meinst du eigentlich ich bekomme bald Beulen von den ganzen symbolischen Tritten, die mir die Typen in meinem Leben schon verpasst haben?“, schluchzte meine Freundin Sophie unter Tränen in den Telefonhörer. Für eine Sekunde bereute ich es, den Anruf angenommen zu haben. Es war mal wieder so weit: Typ Nummer 185 hatte sich nach 4 Monaten und 2 Tagen überlegt, dass er viele Dinge in seinem Leben noch machen wollte. Nur eben ohne Sophie. Und so hatte er sich kurz vor dem ersten gemeinsamen Kurzurlaub mit den einfallsreichen Worten „Es liegt nicht an dir. Es liegt an mir“ verabschiedet. Vielen Dank auch, Typ Nummer 185, dachte ich mir. Es war Samstag Abend. Einen Drink in der Bar, ein Bier an der Alster. Tanzen gehen. Ich hatte bislang nur vage Pläne, wo mich diese Nacht hätte hinführen können. Ich dachte an meinen letzten, persönlichen K.O.-Schlag – und stieg aufs Rad, um Taschentücher zu reichen und dafür zu sorgen, dass der Gin im Gin Tonic-Glas meiner Freundin an diesem Abend nicht ausgehen würde.

„Na wenigstens du lässt mich nicht im Stich“, sagte eine Frau, die nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit Sophie hatte. Die Wimperntusche war verschmiert, der Blick leer, die Schultern hingen. Okay, Typ Nummer 185 hatte ganze Arbeit geleistet und nicht nur Sophies Kaffeezubereiter behalten, den sie ihm eigentlich nur geliehen hatte („Aber wer ahnt denn so was?“), wie sie mir später mehrfach versicherte. Nein, er hatte auch gleich ihr Selbstbewusstsein mit eingepackt. Wir waren also ganz unten angekommen. Ich atmete tief durch, streckte die Schultern, die heute eine Menge Kummer auffangen mussten, und dachte für einen kurzen Moment wehmütig an ein kühles Bier in der Abendsonne, das nun in weite Ferne gerückt war. Prost! Ich drückte Sophie und ging schnurstracks in die Küche, um zu tun, was in so einem Fall nun einmal zu tun war: Gurken schneiden, Gin abmessen, Tonic Water auffüllen. Eiswürfel nicht vergessen. Sophie beobachtete meine routinierten Bewegungen aus einer starren Haltung heraus. Sie erinnerte mich an einen dieser Werbe-Aufsteller aus Pappe, der droht umzufallen, würde man ihn auch nur einen Tick zu fest berühren. „Hast du Eiswürfel da?“, fragte ich und bereute meine Naivität sofort. „Ich habe keine Eiswüüüürfeeeel…“, war der Auftakt zum Heulkrampf meiner Freundin. „Die letzten hab ich zusammen mit Tim aufgebraucht, als er hier war. Aber jetzt brauch ich ja nie wieder Eiswürfel machen, weil er ja nie, nie, nie wieder mit mir einen Drink trinken wird“, endete sie. „Eiswürfel werden aber auch wirklich komplett überbewertet“, warf ich schnell ein. „Das geht auch so.“ Wahnsinn, wie viele Stolperfallen überall lauerten. Dabei war das nicht mein erster Notfall-Einsatz – insgesamt, aber vor allem nicht bei Sophie. In Gedanken setzte ich das Anmerken fehlender Drink-Zutaten auf meine Don’t Liste für zukünftige Liebeskummer Besuche.

Nach dem ersten Schluck Gin Tonic wirkte Sophie etwas entspannter und ich wagte einen mutigen Vorstoß. „Sag mal, was war denn eigentlich genau los?“, fragte ich mit einer leisen Vorahnung, dass sich hier heute Mittag ein déjà-vu abgespielt haben musste. „Ich weiß es wirklich nicht“, schluchzte sie nun wieder, vermutlich in Erinnerung an den Besuch von Tim schwelgend, dessen Name zukünftig nicht mehr verwendet werden würde und wir durch eine Beleidigung – Idiot, Arschloch, oder ein Wortgebilde, das auf ein bislang geheimes Defizit von ihm abzielen würde – ersetzen würden. Das war eine Selbsthilfe Methode von Sophie, um dem Ärger Luft zu machen, dabei aber noch Haltung zu bewahren. Ob es wirklich half, lass ich mal dahin gestellt. „Ich kann es dir einfach nicht sagen. Es war alles wie immer. Und ich habe auch die Wochen und Monate vorher keinerlei Anzeichen gemerkt, das etwas nicht stimmt.“ „Hm“, erwiderte ich. „Wirklich gar nichts?“, hakte ich vorsichtig nach. Obwohl wir Frauen gemeinhin als das feinfühligere und emphatischere Geschlecht gelten, ist dieses Nichts-Bemerken ein weit verbreitetes Phänomen unter meinen Artgenossinnen. Doch später, wenn ein paar Monate oder auch Jahre vergangen sind, die Tränen getrocknet und der Blick nicht mehr ganz so verklärt ist, muss man sich ehrlicherweise sehr oft eingestehen, es gab nicht nur leise Anzeichen. Da fuhr eine ganze Armee mit Feuerwehrwagen und Sirene durch den Flur. Zum Beispiel die langsam aber stetige Abnahme gemeinsamer Unternehmungen mit gleichzeitig rasanter Zunahme an Abendaktivitäten mit Freunden und einer nicht unerheblichen Menge an Alkohol. Die vermehrten Streitigkeiten bei nichtigen Anlässen wie der offenen Zahnpasta Tube als unangefochtener Klassiker. Oder einfach nur eine veränderte Kommunikation, die weniger auf ein friedvolles Miteinander abzielte und mehr auf egoistische Rechthaberei. In den seltensten Fällen wacht Mann oder Frau – nein, auch kein Typ Nummer 185 – morgens um 6:00 Uhr auf und beschließt: „Hach, was ein schöner Tag! Ich habe heute spontan Lust, die Alte/den Typen abzusägen“.

Das Thema hatte ich vor Kurzem mit einer anderen Freundin. Steffi erzählte mir, dass ihr Freund und sie häufiger stritten in letzter Zeit. Und oft drehten sie sich dabei im Kreis, weil es immer die gleichen Anlässe waren. Ich hatte an diesem Abend aus mir nicht näher bekannten Gründen eine äußerst pauschalisierende und gleichzeitig klischeehafte Pro-Frauen-Einstellung und gab meiner Freundin ungefragt Schützenhilfe: „Dann müsste er mal klar kommunizieren, was ihn stört, damit du es im Zweifel ändern kannst“, polterte ich mit einem übertriebenen Augenrollen drauf los. „Aber das hat er ja ganz offensichtlich nicht, sonst würden sich die Streitigkeiten ja nicht ständig wiederholen.“ „Na ja, ganz so ist es nicht“, erwiderte meine Freundin. „Er hat es mir schon ganz oft gezeigt und gesagt. Aber ich habe bis jetzt nichts geändert, weil das ein ganzes Stück Arbeit bedeutet. Ich möchte es ja, aber es fällt mir schwer und es wäre so viel leichter, Augen und Ohren zu verschließen und zu behaupten, man hätte von nichts gewusst.“ Hm. Auf eine derartige Klarheit konnte ich nur stumm nicken.

Meine Freundin Sophie, jedoch, hielt eisern daran fest, nichts bemerkt zu haben. Wie auch schon bei Jan, Mark und Alex. „Da war ja auch immer noch alles super. Bis zum letzten Tag. Und plötzlich machen sie Schluss. Ich versteh das einfach nicht“, beschwerte sie sich. Ja, wenn man die Geschichten aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Aktionen von Alex, Mark, Jan und Typ Nummer 185 tatsächlich nicht nachvollziehbar. Erkenntnis erlangt man nicht (unbedingt), indem einem ein Spiegel vor die Nase gehalten wird. Dazu gehört auch eine Portion Selbstreflexion und vor allem der Wille, auch eine Seite an sich zu entdecken, die einem mitunter zutiefst unsympathisch sein kann. Sophie war noch nicht so weit, ich gab das Gebiet vorerst auf. Nach dem 3. Gin Tonic, unzähligen, gescheiterten Versuchen, Einblicke in die Gedankengänge des Tim W. zu erhalten, und einem Kopf, der vom vielen Rauf- und Runterdenken brummte, stellte ich die alles entscheidende Frage: „Was hast du denn jetzt vor? Also, mit dir, und mit deinem Leben, meine ich?“ Sophie sah mich fragend an: „Wie meinst du das?“ „Na ja“, setze ich noch einmal an. „Wie möchtest du damit umgehen? Und vor allem, was würde dir gut tun, dass du wieder auf die Beine kommst?“ Sie blickte mich aus traurigen Augen an und schluchzte: „Ich möchte nicht schon wieder alleine sein.“ Bähm. Da war es wieder. Der Punkt, an dem sich nicht nur die Geister scheiden, sondern auch die aufwendig konstruierten Lebensmodelle einiger meiner doch so unabhängigen und selbst bestimmten Freundinnen zusammenbrechen. Eigentlich, sind sie nämlich alle hochgradig eigenständig. Haben ein tolles Leben, viele Freunde, eine annehmbare Anzahl Verehrer, einen Kalender, der überquillt vor Aktivitäten, können einen Nagel in die Wand schlagen und ein Ikea Regal aufbauen. Und alleine sein können sie auch, denn „Ich brauch eigentlich auch viel Zeit für mich. Das ist mir ganz wichtig.“ Eigentlich. Denn das ist häufig nur die Theorie, so wie sie sich gern sehen würden. In der Praxis sieht es sehr oft so aus, dass sobald ein Typ an ihrem Leben vorbei schippert – gern auf einem Surf Brett, aber dazu an anderer Stelle mehr – in den sie sich sofort hoffnungslos verliebt haben, sie umgehend ihr ganzes Leben über Bord werfen und den Kompass, um im Thema zu bleiben, fortan nicht nach Norden, Süden, Osten oder Westen ausrichten. Sondern nach ihm. Und was nun folgt, ist gemeinhin bekannt: Banges Warten auf einen Anruf oder eine Whatsapp, komplette Planungsausrichtung nach seinen Aktivitäten gefolgt von permanentem Enttäuscht-sein, weil er ihre Erwartungen nicht erfüllt. Bis, ja bis hin zur völligen Selbstaufgabe, nur, um den Typen doch noch irgendwie halten zu können und dem Alleinsein zu entkommen. Obwohl sie damit ja eigentlich kein Problem haben. Nur, um am Ende wieder einmal allein zu sein. Wie absurd.

„Wie siehts aus“, fragte ich Sophie mit einem Blick auf die Uhr. „Noch einen Drink? Sonst würde ich mich demnächst auch mal los machen…“ Ich finde diesen Moment immer etwas schwierig, wenn man die todtraurige Freundin zurück lassen muss, weil man ganz egoistisch einfach nur ins Bett möchte. Tatsächlich war es erst 23:00 Uhr. Für einen Samstag also noch eine annehmbare Zeit. Aber durch meinen Kopf schwirrten Sophies Erlebnisse des heutigen Tages in Dauerschleife. „Klar, wenn du fahren musst, dann fahr ruhig. Mir wird schon nichts passieren – ich komm klar. Zur Not heule ich einfach die ganze Nacht durch“, entgegnete sie niedergeschlagen aus verquollenen Augen. Hätte ich ihren Zustand auch nur als  halbwegs zurechnungsfähig bezeichnen können, ich hätte als Reaktion darauf gelacht, sie umarmt, ihr einen Kuss auf die Wange gedrückt und ihr eine gute Nacht gewünscht. Aber ich wusste, dass sie es genau so machen würde, wie sie es gesagt hatte. Also schaltete ich den Fernseher ein für einen Film, bei dem wir beide bald ins Reich der Träume gleiten würden. Hoffentlich. Die erste Nacht ohne Typ Nummer 185 für Sophie. Und trotzdem nicht so ganz allein.

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