Wie ich lernte, zu vergeben. Oder: Warum Widerstand nicht glücklich macht.

Googelt man im World Wide Web Vergebung, schlägt einem die Suche als erstes die Kombination mit dem Wort Bibel vor. Überrascht nicht, wie ich finde, stand der Begriff bisher für mich doch fast ausschließlich im Kontext mit Gott, der Kirche oder allgemein mit Religion. Ja, wenn ich es mir genau überlege, dann hatte ich bisher keine persönliche Verbindung zum Wort Vergebung. Das mag auch daran liegen, dass vergeben und verzeihen nicht meine aller größte Stärke ist. Um es mit anderen Worten zu sagen: Mein Gedächtnis gleicht dem einer großen, dicken Elefantendame, denen man ja nachsagt, nichts zu vergessen. Weiblein wie auch Männlein. 

Die Frage nach dem Warum habe ich mir nie gestellt. Für mich gehörte das einfach zu mir dazu. Großzügig, emphatisch, aber eben auch nachtragend – zumindest bei Menschen, die einen festen Platz in meinem Herzen eingenommen haben, das war in meinen Augen alles ein Teil von mir. Seit ich mich intensiver mit diesem Thema beschäftige weiß ich, dass ich mich nicht zwingend mit jedem einzelnen Wesenszug und jeder geliebten oder ungeliebten Charaktereigenschaft identifizieren muss und alte Gewohnheiten und Verhaltensmuster abgelegt werden können. Wie beispielsweise mein Hadern, zu verzeihen. Das Wort Vergebung klingt für mich unglaublich groß. Verzeihen ist heutzutage wesentlich geläufiger. Meistens werden schwierige Situationen aber mit einem lapidaren „ist schon okay“ oder „schon in Ordnung“ abgetan. Ein „Ich vergebe/verzeihe dir“ klingt nach Mittelalterschnulze aus dem Abendprogramm oder Groschenroman. Allein bei der Vorstellung kann man sich ein spöttisches „Das ist aber überaus großzügig von dir!“ nicht verkneifen. Ist vergeben oder verzeihen out? Oder traut man sich einfach nicht mehr, um Vergebung zu bitten und, andersherum, jemanden zu verzeihen?

image1.JPGFür mich steht der Begriff Vergebung in einer Reihe mit Wörtern wie Barmherzigkeit, Erlösung, Gnade, Verbannung, Güte – alles aus der Bibel entlehnte Bezeichnungen, die wir in der heutigen Sprache wenig bis gar nicht mehr gebrauchen. Doch Vergebung ist aktueller denn je. Mehr noch. Vergebung begegnet uns jeden Tag aufs Neue, bietet sich uns als alternativer Weg an, den wir einschlagen können, um am Ende vielleicht so etwas wie Erlösung zu finden. Oder ihr zumindest einen Schritt näher zu kommen. Erlösung, da ist wieder einer dieser altertümlichen, fast vergessenen Begriffe. In der Bibel wird viel und häufig vergeben. Vielleicht ist es den Menschen früher leichter gefallen. Und auch wenn ich wenig bis keinen Bezug zur Kirche und zur Religion habe, so tragen diese Texte für mich sehr viel Wahrheit und Weisheiten in sich:

„Denn du, Herr, bist gut und gnädig,

von großer Güte allen, die dich anrufen.“

(Psalm 86:5 I LUT)

„Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.

Vergebt, so wird euch vergeben.

(Lukas 6:37 | LUT | Urteil)

Liest man diese Zeilen, so scheint der Akt der Vergebung dem Blick in den Spiegel oder einem Echo-Ruf zu gleichen: Wenn ich vergebe, wird mir auch vergeben. Und diese Spiegel-Sache trifft eigentlich für alle Bereiche des Lebens zu: Denke ich positiv, kann ich schwierige Situationen leichter meistern, weil ich die positiven Aspekte darin erkennen kann. Begegne ich Menschen freundlich und offen, haben sie fast keine andere Möglichkeit, als mir eben genau so zu begegnen – egal, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen. Die Zauberformel ist das Gesetz der Anziehung. Aber wie einfach ist die Theorie umsetzbar, wenn Schmerz und verletzte Gefühle im Spiel sind? Wenn also Dinge geschehen sind, über die sich die Gesellschaft im kollektiven Gedächtnis einig ist, dass sie nicht verziehen werden können, schon gar nicht „einfach so“, weil der Verursacher einfach nur Reue gezeigt hat, auf hochdeutsch, sich entschuldigt hat. Wie billig ist das bitte? So einfach kommt der nicht davon! Das kollektive Gedächtnis schreibt vor, dass der Verursacher erst einmal ordentlich Buse tun muss, gerne täglich, nur damit der Betroffene ihm das vermeintlich Verziehene dann täglich aufs Brot schmieren kann – nutelladick und am besten ein Leben lang.

In dieser Denkweise liegt, glaube ich, der Hund begraben. Oder die Haselnuss, je nach Perspektive und Hungergefühl. Denn aus meiner Sicht erfolgt ein Großteil unserer Verhaltensweisen aus einem Automatismus heraus, orientiert an einer von der Gesellschaft vorgelebten und von ihr erwarteten Struktur. Wir fahren mit 100 Sachen auf Autopilot eine Strecke, deren Fahrplan wir in jungen Jahren gelernt haben und seit wir handeln und eigenständig agieren image5.JPGkönnen tagtäglich unbewusst anwenden: Wenn mir etwas Unangenehmes zugefügt wird oder ich etwas – aus meiner Bewertung heraus – schlechtes erfahre, muss ich  unweigerlich Schmerzen empfinden und demjenigen, der mir das angetan hat, mit Widerstand, Groll und Distanz begegnen. Weil ich verletzt wurde und mich so vermeintlich vor weiterem Schmerz schütze. Doch jeder hat auch die durchschlagende Kraft negativer Einstellung schon am eigenen Leib erfahren. Negative Gefühle blockieren und hindern uns daran, unser Leben unbeschwert und glücklich zu leben. Sie rauben uns wertvolle Energie. Und wie eine Kettenreaktion werden sie zu unseren Gedanken, die sich von da an in unserem Kopf festsetzen und wie ein Film in Endlosschleife abgespielt werden. Tag für Tag. Minute um Minute. Sekunde um Sekunde. Immer die gleiche Vorführung mit immer der gleichen Dudel-Musik in unserem ganz persönlichen Kopf-Kino – und wir mittendrin. Als VIP-Gast sozusagen. Die Folge dieser negativen Dauerbeschallung und Gehirnwäsche: Wir fühlen uns schlecht, klein, wertlos und dem anderen unterlegen. Und warum? Weil wir, wieder einmal, ein und demselben Muster gefolgt sind, das wir bis heute nicht hinterfragt haben. Das wir einfach ausführen, wie gehirnlose Roboter. So leben wir freiwillig nach einer Anleitung zum Unglücklich-Sein und fragen uns im gleichen Atemzug, warum wir immer wieder so unglücklich sind.

image6.JPGIch habe für mich beschlossen, dass ich so nicht leben möchte. Ich möchte kein Gepäck mit mir herum tragen, das mich herunterzieht und mich belastet – nur weil es scheinbar so sein muss, weil ich dieses Muster vielleicht jahrelang so gelebt habe, weil es nicht sein kann, dass ich auf Veränderungen und einschneidende Erlebnisse anders reagiere als mit Widerstand: „Du hast mich verletzt und das trage ich dir jetzt bis in alle Ewigkeit nach“ klingt doch irgendwie sehr nach Kindergarten-Zankereien. Und aus dem Kindergartenalter bin ich schon seit Längerem raus. In heiklen Situationen ein und dasselbe Thema immer wieder auf den Tisch zu zerren, sozusagen als Totschlag-Argument, ist einfach, aber auf Dauer ganz schön unbefriedigend. Das eigene Ego zurückzustellen, eine Situation wertfrei betrachten, akzeptieren und den Widerstand loszulassen, ist deutlich schwieriger. Aber am Ende erfüllend. Wieso nicht einfach versuchen, die Situation losgelöst von mir als Person und neutral zu betrachten – wie eine rote Ampel, die eben einfach auf Rot gesprungen ist und erst von gestressten Autofahrern unter Zeitdruck eine negative Bewertung erfährt? Wieso nicht beim nächsten Konflikt die Wut und den Ärgern beobachten, sie winkend vorbei ziehen lassen, alte Geschichten in der Alte-Geschichten-Kiste lassen, weil sie besprochen und geklärt sind und im Hier und Jetzt keine Rolle spielen, und stattdessen dem Gegenüber seine Emotionen, Bedürfnisse und Wünsche offen kommunizieren?

Dann gibt es also diese zwei Wege und ich muss mich einfach nur für einen von beiden entscheiden? Ja und nein. Man hat immer die Wahl, keine Frage, und muss sich nie den Umständen beugen und wie ein Spielball im Wind hin und her schmeißen lassen. Ist es einfach, diesen Weg zu gehen, bis ans Ende und immer wieder, auch wenn die Gefühle einen durchschütteln wie besagten Spielball im Wind? Nein. Zumindest zu Beginn nicht. Der Weg ist bisweilen sogar sehr steinig. Aber nachdem man die ersten Schritte gewagt hat und man die Veränderung spürt, weiß man, dass es sich lohnt. Denn du drehst nicht einfach nur an ein paar Schrauben oder wendest zeitweise eine Strategie an. Du begibst dich auf eine Reise zu dir selbst. Denn um vergeben zu können musst du dich selbst kennen. Wo sind deine Grenzen? Was bringt dich zum Weinen? Wer hat dich geprägt? Was mach dich glücklich? Wann ist für dich Schluss? Kurz: Du musst dein Ego kennenlernen. Und dieses Ego ist mitunter ein ganz schön fieser Geselle. Es liebt das Drama – am besten 24 Stunden am Tag. Es fühlt sich gern und schnell verletzt und angegriffen, verteidigt sich bei jeder Kleinigkeit, möchte immer Recht behalten und verletzt gerne andere Menschen. Und es hängt an der Vergangenheit, vorzugsweise an den richtig dunklen Seiten, und liebt es, Zukunfts-Sorgen zu schüren. Um für sich zu bleiben und den Einfluss von außen kontrollieren zu können, baut es gern hohe Schutzmauern auf, hinter denen offene und ehrliche Kommunikation verstummt und wahre Gefühle vergraben werden. Sicher ist sicher. Und kommt jemand den Mauern zu nahe und damit auch dem Ego, bekommt es Angst und wird laut. Denn es ist so viel einfacher zu schreien und wild um sich zu schlagen, als den Mund zu halten, die Stille zu ertragen, und zu erkennen, das jeder Gedanke – ob positiv oder negativ – aus einem Gefühl entsteht, das wiederum einem tieferen Bedürfnis entsprungen ist, das friedvoll angenommen und so geheilt werden kann. image4.JPG

Und da stolpere ich über das nächste Wort, das in der Bibel häufig, heutzutage aber fast inflationär verwendet wird – aber viel seltener auch tatsächlich anzutreffen ist: Frieden. Frieden ist für mich elementar in diesem Zusammenhang. Nur wenn ich Frieden mit mir – mit meinen Verhaltensweisen, meinen Gefühlen und Bedürfnissen – habe, kann ich auch den Widerstand gegen andere Menschen oder Situationen aufgeben und ihnen mit offenen Armen begegnen. Ihnen vergeben, aus tiefstem Herzen. Weil es der einzige Weg ist. Und das, was sich dann eröffnet, wenn die Waffen fallen gelassen und die Schutzmauern eingerissen sind, wenn das Misstrauen aufgegeben ist und die Maske vom Gesicht gezogen wurde, ist eine so reine Begegnung zwischen zwei Menschen – ohne Strategien und ohne Taktieren – vielleicht die erste ehrliche Begegnung im Leben. Und plötzlich ist alles möglich.

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