Vom Hoffen

Wenn ich morgens aufwache, suche ich sie. Ich rufe sie herbei. Drehe jeden Stein um. Vergebens. Sie kommt nicht. Vielleicht hat sie keine Lust. Vielleicht hat sie andere Dinge zu tun, die wichtiger sind. Fest steht: Sie fehlt. Dann, wenn der Tag beginnt, drückt sie sich verstohlen aus einer Ecke. Endlich. „Hah“, rufe ich. „Da bist du also!“ Ich stülpe ihr einen Sack über, fange sie ein. So kann sie nicht davonlaufen. Ich brauche sie, wenn ich durch den Tag kommen möchte. Sie zappelt, wehrt sich. Aber sie hat keine Chance. Ich verwende meine gesamte Energie darauf, sie bei mir zu behalten. Symbolisch für all das, was mir jetzt gerade fehlt. Was ich verloren habe.

Sie bleibt, hat sie doch auch keine Wahl. Sie begleitet mich durch den Tag und macht ihren Job gut. Sie klammert sich an meine Gedanken. Besetzt sie vollkommen und gibt mir dieses wohlig-warme Gefühl, dass alles gut werden wird. Zeitweise übertreibt sie. Versucht mich, in Hochgefühle zu versetzen. Betrinkt mich mit Alkohol. Ich verweigere mich. Ich gebe mich gerne der Illusion hin, ja. Aber ich bin auch Realist. Sie ist sauer: „Man wird doch wohl ein bisschen Spaß haben dürfen!“ „Nein, darf man nicht“, antworte ich. „Heute nicht. Mit mir nicht.“

Als die Dunkelheit hereinbricht, wird sie müde und die alten Geister kriechen wieder in mir hoch. Es war ein anstrengender Tag bei mir und sie sehnt sich nach einer Mütze voll Schlaf. In einem unbedachten Moment stiehlt sie sich aus dem Sack. Ich sehe ihr nach – unfähig, etwas zu tun und wohl wissend, was jetzt passieren wird. Ein kalter Luftzug kündigt sie an: Gedanken und Gefühle, besetzt von Angst, Schmerz und Verlust. Projizieren mein vergangenes Glück auf eine große, weiße Wand. Szenen aus glücklichen Tagen, die gerade meilenweit entfernt sind, ziehen mich in den Bann. Ich kann den Blick nicht abwenden, muss alles mit ansehen. Lautlose Tränen laufen mir über die Wange. Aber es ist niemand da, der sie wegwischt.

 

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