16. Tag in New York/Hamburg – Auf der Suche nach ein bisschen Schlaf

Nach einem großartigen Abschiedsabend auf dem 1 WTC heißt es für Herrn B. und mich am nächsten Morgen erst einmal ausschlafen. Schließlich wartet ein anstrengender Rückflug auf uns. Nach erfolgreicher Überzeugungsarbeit von Herrn B. beschließen wir einhellig, dass das Zeitfenster zwischen Weckerklingeln gegen 10:00 Uhr und Heimflug gegen 17:00 Uhr für Unternehmungen jeglicher Art zu sportlich ist. Insgeheim schüttle ich den Kopf über Herrn B.’s typische Vorsichtsmaßnahmen. Ich frage mich ja immer, ob er eigentlich enttäuscht ist, wenn alles wider Erwarten glatt verläuft. Heute werde ich aber später noch einmal den Kopf schütteln. Und zwar, wenn sich Herrn B.’s Schwarzmalerei bewahrheiten und er mir einen „Siehste!“-Blick zuwerfen wird. Aber dazu später. Erst einmal wiegen ich und auch Herr B. uns noch in der Sicherheit, alle Zeit der Welt zu haben. Während wir noch etwas in unserem Bett chillen, hören wir die Badezimmertür bereits zum dritten Mal an diesem Morgen. Nach Yuchen hörte es sich nicht an und auch nicht nach ihrem Mann oder ihrem kleinen Sohn. Den hätten wir ja am Trällern und dem lauten Plätschern auf dem Porzellan bei geöffneter Toilettentür erkannt. Wir hatten bei unserer Ankunft bereits eine Chinesin auf dem Flur getroffen, die, der Dusche um 6:00 Uhr heute früh nach zu urteilen, wohl schon wieder abgereist ist. Es konnte noch der andere Airbnb-Gast sein, ein German, der mit seiner Freundin in einem Zimmer ganz am anderen Ende der Wohnung, bei der Küche, schläft. Aber als die Person das Bad wieder verlässt, hören wir, wie eine Zimmertür bei uns in der Nähe geschlossen wird. Und da ist, unseres Wissens, nur das Zimmer der Chinesin. „Die einen kommen, die anderen gehen – und alle huschen hier durchs Haus“, sagt Herr B. daraufhin. „Ich fühl mich ein bisschen wie in einer Kommune hier. Als könnte man sich einfach irgendwo in ein Bett reinlegen.“ Ich weiß ja nicht, ob Yuchen so begeistert davon wäre, wenn Rainer Langhans hier Einzug halten würde. Fragen können wir sie nicht mehr, da sie bei der Arbeit ist, als wir unser Kommunen-Zimmer räumen. Brav spülen wir noch unser Geschirr, positionieren unsere nicht bestellte und ungeöffnete Sprite auf dem Küchentisch und deponieren den Schlüssel in einem der Kinderschuhe vor der Tür. Das ist nach Straßenschuhe ausziehen, die Küche in einem ordentlichen Zustand hinterlassen und den Föhn ins Bad zurückbringen Punkt 4 auf Yuchens kleiner Airbnb-Hausordnung.

Vollgepackt wie zwei Esel und nach Luft schnappend klettern wir die Treppen zu unserer Subway Haltestation Seneca Avenue hoch. In Queens hat man übrigens einen fantastischen Blick von den Subwaystationen aus – ein wenig vergleichbar mit dem High Line Park, wenn auch ungleich alternativ-rustikaler. In Herrn B.’s Worten: „abgerockter“.

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Wir wählen eine etwas längere Strecke mit der Subway. Weil wir noch so unglaublich viel Zeit haben. Als wir mit unseren beiden Koffern und den neu erworbenen und gut gefüllten Sporttaschen bei der Jamaica 179 Street in die Subway zum Flughafen umsteigen wollen, erfahren wir nicht nur, dass die Bahnfahrt heute kostenlos ist. Die freundlichen Subway-Mitarbeiter informieren uns außerdem noch darüber, dass die Subway heute nicht zum Flughafen fährt. Nur bis zur nächsten Station. Von da müssen alle Reisegäste einen Shuttle-Bus nehmen. Das klingt ja großartig. Aber es ist dann tatsächlich noch viel großartiger, als wir es uns zu diesem Zeitpunkt hätten vorstellen können. Eine geschlagene Stunde warten wir, bis die uns voran stehende Menschenschlange sich in die Busse gezwängt hat, die im 20 Minuten Takt angerollt kommen. Herr B. spricht irgendwann die Vermutung aus, dass es tatsächlich nur einen Bus gibt, der gemächlich eine Strecke nach der anderen zum Flughafen und wieder zurück hinter sich legt. Das ist übrigens auch der Moment, in dem er mir den „Siehste!“-Blick zuwirft. Es ist mittlerweile 14:00 Uhr und wir haben noch keinen Bissen im Magen. Ich frage mich, warum Herr B. das nicht in seinem Worst Case-Plan bedacht hat. Zum Glück haben wir noch die Salt & Black Pepper Nüsse vom Chelsea Market. Ich spüre die neidischen Blicke zweier rundlicher Damen, als ich genüsslich ein paar Nüsse in meinem Mund verschwinden lasse.

An Terminal 1 suchen wir erst einmal einen Briefkasten für unsere Postkarten. Die sind nämlich mittlerweile geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Der Herr am Ausgang des Flughafens verweist uns auf den fußläufig nicht erreichbaren Terminal 2. Das schaffen wir zeitlich nicht, mit dem Bus dahin zu fahren. Herr B. gibt sich damit nicht zufrieden: „Es muss doch hier irgendwo einen scheiß Briefkasten geben“, schreit er fast. Alarmstufe Rot – ich schiebe ihn sofort in Richtung Fressmeile. Nachdem wir um 15:00 Uhr ein eher deftiges Frühstück in Form von Burger und Bratreis eingenommen haben, geht es Herrn B.’s Nerven auch ein wenig besser. Am Gate startet er einen weiteren Versuch – dieses Mal direkt am Lufthansa-Schalter – und hat Glück. Die Dame, dessen Namen sich Herr B. vorsichtshalber einprägt, man weiß ja nie, verspricht Herrn B., unsere Postkarten einzuwerfen. Ein wenig entspannter steigen wir gegen 17:15 Uhr in unseren Flieger ein. Der Flug ist angenehm. Denn dieses Mal, so haben wir es uns geschworen, lassen wir es so richtig krachen. Haben wir auf dem Hinflug noch ganz schüchtern nur ein Getränk bestellt, ordern wir jetzt gleich zwei (die Becher sind ja auch sehr klein) – eins immer mit Alkohol. Die Hoffnung, dadurch auch besser schlafen zu können, erfüllt sich leider nicht. Herr B. macht während des Nachtflugs gar kein Auge zu. Ich nicke ab und zu weg, aber erholsamer Schlaf ist etwas anderes. Die ach so komfortablen Sitze sind doch ganz schön eng, wenn man 7,5 Stunden darauf sitzen und schlafen muss. Und die Stewardessen laufen fast die ganze Nacht wie aufgescheuchte Hühner an unseren Plätzen vorbei, um einem schreienden Baby eine Milch oder durstigen Fluggästen einen Drink zu bringen. So landen wir ziemlich zerknittert und Herr B. mit einer ordentlichen Erkältung gegen 7:35 Uhr am Münchner Flughafen. Wir fühlen uns, als hätten wir die ganze Nacht auf der Reeperbahn durchgetanzt und die gesamte Bar leer getrunken. Schlaftrunken warten wir auf den Flieger nach Hamburg und bemerken fast gar nicht, dass wir immer noch Englisch sprechen und auch so noch angesprochen werden. Der knapp 1-stündige Flug nach Hamburg ist dann ein absoluter Witz: Gerade oben, setzen wir auch schon wieder zum Landeanflug an. Das hat sich ja gelohnt! In Hamburg werden wir von Herrn B.’s Kumpel abgeholt, der uns auch schon hingebracht hat. Als Herr B. ihn nach Tipps gegen Jetlag befragt, antwortet er: „Legt euch jetzt bloß nicht hin und schlaft! Das bringt euren ganzen Rhythmus durcheinander.“ In der Wohnung angekommen, versuchen wir unser Bestes: Wir begutachten die Wohnung, räumen unsere Taschen aus und bringen die Pflanzen an ihre alten Plätze zurück. Trotz jeglicher Warnung von Herrn B.’s Kumpel legen wir uns aufs Bett, nur einmal ganz kurz – und stehen die nächsten 4 Stunden nicht mehr auf.

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