14. Tag in North Bergen/Queens – Die Sache mit den Schüssen

Die Nacht von Herrn B. und mir ist nach unserer ausgiebigen Brauereibesichtigung kurz. Sehr kurz, um genauer zu sein. Nach knapp 5 Stunden Schlaf fühlen wir uns wie von einem Zug mit 10 Waggons überrollt. Und wie immer schwört man sich, dass man beim nächsten Mal ein Bier oder Wein früher die Rechnung ordert und geht – und bleibt natürlich trotzdem bis zum bitteren Ende. Herr B. macht den Anfang im Bad. Auch ich greife nach meiner Brille und knipse das Licht an. Es hilft ja alles nichts. Die Damen von der Hertz Autovermietung werden sicher kein Verständnis dafür haben, wenn wir das Auto zu spät und mit Bierfahne abgeben. Während des Fertigmachens und Zusammenpackens wird nicht viel gesprochen. Jeder von uns ist damit beschäftigt, in dem kleinen Zeitfenster zwischen gerade wach geworden und gleich los fahren seine 7 Sachen beisammen zu bekommen und im Auto zu verstauen. Und dabei möglichst wenig oder gar nichts zu vergessen. North Bergen ist ja eigentlich nur einen Katzensprung von NYC entfernt. Aber Herr B. und ich können den Lincoln Tunnel in Kombination mit der morgendlichen Rush Hour nur sehr schwer einschätzen.

Trotz typischem NYC-Verkehrschaos klappt alles gut und wir erreichen die Hertz Station pünktlich um kurz vor 10:00 Uhr. Die Dame am Schalter ist – wie bereits bei der Abholung des Autos – überaus unmotiviert und unfreundlich. Sie scheint ihren Job abgrundtief zu hassen und hat vermutlich schon ihre Kündigung geschrieben. Ihre Kollegin tippt desinteressiert auf ihrem Smartphone herum und zeigt gar keine Regung. Na hoffentlich reist sich die aktivere von beiden noch ein paar Minuten zusammen, bis wir das Auto zurück gegeben haben. Danach kann sie von mir aus schreiend aus der Station laufen. Die Dame reist sich zusammen. Sogar, als Herr B. und ich ihr noch ein kleines Hindernis einbauen und ihr von dem Steinschlag in der Frontscheibe berichten. Sie guckt nur einmal kurz von ihrem Rechner auf, zieht kaum merklich eine Augenbraue hoch und schiebt uns anschließend ein Formular über den Tresen, das wir ausfüllen sollen. Zum Glück ist der Schaden ohne Selbstbeteiligung. Als wir uns mit einem „Goodbye!“ zum Gehen wenden, bekommt die Dame am Schalter tatsachlich etwas über die Lippen, dass wie ein „Bye“ klingt. Auf das fast schon standardisierte „Have a good day“, wie es Herrn B. und mir bisher in Amerika nahezu überall zum Abschied erklingt, warten wir vergebens.

Nach einem kleinen Kater-Frühstück bei Starbucks geht es mit unseren Koffern weiter zur Subway. Zwischen Brooklyn und Queens liegt unsere nächste und letzte Unterkunft, die wir über Airbnb gebucht haben. Nach gut einer halben Stunde erreichen wir die Haltestation Seneca Avenue und wuchten unsere Koffer aus der Subway. Das wird mit zunehmenden Outlet-Besuchen immer anstrengender. Aber dafür hat Herr B. auch schon eine Lösung parat: Er schlägt vor, dass wir uns Sporttaschen besorgen, die als Handgepäck mit in den Flieger können. „So können wir das Gewicht etwas verlagern“, erklärt er. Die zugelassenen Maße der Taschen hat Herr B. selbstverständlich bereits online überprüft. Die zwei Bags, die wir gestern im Converse Shop entdeckt haben, wären dafür perfekt geeignet. Nur hilft uns das gerade leider kein Stück weiter. Geschwächt von der viel zu kurzen Nacht wuchten wir mit vereinten Kräften die beiden Koffer unterm bzw den größeren überm Drehkreuz auf die andere Seite. Nach dieser Tortur fühle ich mich wie Quasimodo mit Affenarmen. Herr B. sieht auch nicht taufrisch aus. Da passt es gut, dass wir noch etwas früh dran sind. Unsere Airbnb-Hostess Yuchen ist erst ab 12:10 Uhr in der Wohnung und der Raum erst ab 12:30 Uhr bezugsfertig. Eine gute halbe Stunde haben wir also noch Zeit. Wie praktisch, dass gleich ums Eck ein Café ist, das mit rustikaler Holzverkleidung und großen Fenstern einladend aussieht. Fünf Minuten später lasen wir uns selig im Milk & Pull – so der Name des Cafés – auf zwei Stühle fallen. Natürlich erst nach dem obligatorischen Toilettengang, der bei Roadtrips genau so zu einem Besuch dazu gehört wie der Grund, weshalb man überhaupt ein Café oder eine Bar betritt. Müde und geschafft sitzen Herr B. und ich vor St. Pellegrino und Cappuccino und lassen unsere Blicke durch das Café und die Umgebung schweifen, die wir Dank der Verglasung des vorderen Sitzbereichs bestens beobachten können.

Mein Blick bleibt an der bodentiefen Fensterscheibe hängen. Genauer gesagt an drei rund ausgebeulten Unebenheiten im Glas. Es sieht aus wie von einem kleinen Ball verursacht – oder von einer Kugel. Ich mache Herrn B. darauf aufmerksam – ein folgenschwerer Fehler, der bei ihm augenblicklich das Kopfkino startet. Der Titel des Films lautet: „Gangs of Queens“. Oder war es doch „Schießerei zum Frühstück“? Einer der beiden Streifen läuft auf jeden Fall bei ihm ab, das sehe ich ihm an. Von nun an ist das charmante Queens und das der Hamburger Schanze ähnelnde Brooklyn mit seinem spanischen Einschlag und den vielen kleinen Food-Lädchen für Herrn B. gestorben.

Die Wohnung unserer Airbnb-Hostess Yuchen liegt in der Madison Street in einer schönen und verkehrsruhigen Gegend. Ihr Mann und ihr kleiner Sohn öffnen uns die Tür, als wir gegen 12:20 klingeln. Sie sind gerade beim Mittagessen. Wir fühlen uns gleich sehr wohl bei Yuchen. Die weitläufige Wohnung ist hell und liebevoll dekoriert. Gleiches gilt für unser kleines Zimmer. Auch hier hat Yuchen ihr Händchen für Einrichtungselemente spielen lassen und dem Raum einen orientalischen Flair verliehen. Am schönsten finde ich die Küche. Sie ist im rustikalen Stil mit viel Holz und hat einen Gasherd mit schweren, schwarzen Eisenpfannen darauf. So sieht es hier ein bisschen aus wie in einer alten Bauernküche – nur eben mitten in Queens. Als wir im Zimmer ankommen, werfen wir uns erst einmal aufs Bett. Der kleine Raum ist cosy und angenehm ruhig, da das Zimmer nach hinten zum Garten heraus geht. Durch unsere geschlossene Zimmertür hören wir den Sohn von Yuchen, TJ, ein Lied singen, das er vermutlich gerade im Kindergarten gelernt hat. Eigentlich ist es weniger ein Singen, eher ein schiefes Plärren. Herr B. und ich müssen beide grinsen und Herr B. sagt: „Irgendwie ist es schön, mal wieder so ganz normale Alltagsgeräusche um sich zu hören.“ Da muss ich ihm zustimmen. Wir verabschieden uns beide in ein kleines Nickerchen, während TJ bei geöffneter Toilettentür sein kleines Geschäft verrichtet – dem Geräusch nach zu urteilen, im Stehen -, und dabei laut und aus vollem Halse sein Lied singt.

Nachdem wir wieder ein wenig bei Kräften sind, rappeln wir uns hoch und machen uns gegen 14:00 Uhr los nach NYC. Die Sonne hat sich nun teilweise den Weg durch die Wolken gebahnt und strahlt vom Himmel auf uns herab. Nicht mehr mit ganz so viel Kraft wie in den Tagen zuvor. Aber es reicht, um die Jacke über dem Arm zu tragen. Etwas langsamer als sonst lassen wir uns von dem Sog der New Yorker und Touris mit durch die Stadt ziehen. Unterwegs halten wir bei dem Converse Shop am Times Square, um die zwei besagten Sporttaschen für das Übergewicht – das der Koffer meine ich natürlich – zu kaufen. Zum Mittag wollten wir eigentlich noch einmal zu Eisenberg’s, der Sandwichladen, bei dem wir bereits bei unserem ersten NYC-Besuch waren. Aber unterwegs sehen wir einen Chipolte Laden, eine mexikanische Grillkette. Die hat Herr B. schon länger im Blick. Wir bestellen jeder einen Burrito mit Chicken, Reis, Bohnen, Tomaten und Guacomole und genießen unser Essen draußen in der Sonne.

Die Burritos schmecken großartig und wir sind rundum glücklich. Deshalb bleiben wir noch etwas in der Sonne sitzen. Herr B. muss wohl unter seiner Capi schon etwas gedöst haben. Als ich ihn frage, ob wir weiter gehen wollen, gähnt er mich an und sagt: „Hättest du mich 2 Minuten später angetickt, ich wäre bereits weg geknackt.“ Wir beschließen, dass es wenig Sinn hat, heute noch Bäume auszureißen. Dafür muss man einfach fitter sein. Daher geht es für die letzten Sonnenstrahlen des Tages in den Bryant Park – ein kleiner Park mitten in der Stadt, der mit vielen Stühlen auf einer großen Rasenfläche zum Verweilen einlädt. Wie zwei Schwerstarbeiter lassen wir uns auf zwei Stühle fallen und genießen die Umgebung.

Nachdem die ersten Schatten von den Häuserwänden auf die Liegewiese fallen, und unsere Augen erneut verdächtig klein sind, fahren zwei sehr müde Krieger gegen 17:30 Uhr schließlich mit der Subway zurück nach Queens. Während dieser halbstündigen Fahrt nicke ich ungefähr 10 Mal weg – wen wundert’s! Dafür ernte ich von Herrn B. strafende Blicke, der aus Platzgründen auf der gegenüberliegenden Seite sitzt. Wahrscheinlich fragt er sich, wie ich hier in aller Seelenruhe entspannen kann, während wir doch ins gefährliche Queens zurückfahren und wahrscheinlich gleich erschossen werden. Er scheint noch nicht müde genug zu sein. Sonst wäre es ihm egal, ob er gleich erschossen wird oder nicht.

Gegen 18:00 Uhr kommen wir in der Wohnung an und werfen uns erst einmal aufs Bett. Als sich der Hunger meldet, stellen Herr B. und ich fest, dass wir zum Rausgehen zu müde und zu faul sind. Und in Herrn B.’s Welt lauern ja draußen Scharen von Gangstern mit geladener Pistole, die nur darauf warten, dass wir Naivlinge einen Fuß vor die Tür setzen, um uns abzuknallen. Deshalb suchen wir via iPhone nach einem Pizzaservice in der Nähe. Yuchen empfiehlt uns schließlich Tony’s Pizza, und wir bestellen telefonisch zwei Medium-Pizzen sowie ein Wasser und eine Cola. Und was uns der Pizzabote 35 Minuten später liefert, zusätzlich zu einer Sprite, die wir nicht bestellt haben, würde in Deutschland unter Super-Large laufen. Oder einfach verboten werden. Ein ungläubiger Blick auf den Durchmesser, der auf dem Karton vermerkt ist, bestätigt uns, dass wir bei der Bestellung alles richtig gemacht haben. Natürlich schaffen wir die beiden Riesen-Medium-Pizzen nicht. Mir ist eigentlich bereits der Appetit vergangen, als ich den Deckel meiner Pizza geöffnet habe. Dafür sind Herr B. und ich nun pappsatt und schlafen nicht nur wegen der Müdigkeit in dieser Nacht tief und fest.

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