12. Tag in Point Plesant Beach – Life’s better at the beach (even if it’s raining)

Ich könnte diesen Tag kurz mit dem Satz beschreiben: „Wie Herr B. und ich bei Regen auszogen, um uns einen Walmart anzusehen, und mit neuer Sportbekleidung zurück kamen.“ Das würde es ziemlich treffend zusammenfassen. Aber es würde diesem, tatsächlich leider ziemlich verregneten Tag auch irgendwie nicht ganz gerecht werden. Daher hier unser 12. Tag in Amerika in voller Länge:

Die erste Nacht im Beach Motel hat ein bisschen was von Camping. Die kleinen Zimmer sind im typischen Motelstil aus Spanplatten gefertigt. So hören Herr B. und ich nicht nur das wunderbare Rauschen der Wellen, sondern auch die spät von einem Ausflug heimkehrenden Motelgäste und – wie angekündigt – den Thunderstorm. Und der hat es dann so in sich, dass ich zu den Ohrstöpseln greife, die Herr B. und ich vor dem Urlaub extra für den Flug besorgt hatten. Am Morgen sehen wir dann die Spuren des nächtlichen Unwetters: Ein wolkenverhangener Himmel und ein kühles Lüftchen weht durch den Mini-Spalt unter unserer Tür. Unnötig, wo wir doch jetzt am Meer sind und ich uns schon mit den Füßen im Wasser gesehen hab. Die Wetter-App gaukelt uns 20 Grad Tages-Toptemperatur vor. Danach sieht es leider gar nicht aus, wenn ich aus unseren Fenster blicke. Herr B. und ich beschließen einfach, dass wir uns davon nicht die Urlaubslaune verderben lassen. Von Hamburg sind wir schließlich ganz andere Wetter-Überraschungen gewöhnt. Ich ziehe aus Protest noch schnell mein Triangel-Bikinioberteil unter – vielleicht traut sich die Sonne ja dann hervor.

Ich könnte beleidigt sein, denn die Sonne lässt sich an diesem Tag nicht mehr blicken. Aber Herr B. und ich nutzen die regenfreie Zeit zwischen 10 und 15 Uhr nach besten Möglichkeiten aus. Zuerst geht es zu Fuß zu Round Dough with a Hole – ein Bagel Deli, den wir über Google Maps ausfindig gemacht haben. Auf Yelp hat das Deli viele Sternchen, auch wenn der Besitzer als Bagel Nazi bezeichnet wird. Weil in seinem Laden so viel untersagt sei. Das klingt einladend! Von außen sieht der Laden dann auch nach allem anderen aus. Aber Herr B. und ich sind heute mutig und betreten den Laden. Als wir die überdimensionale Menükarte an der Wand studiert und unsere Wahl getroffen haben, gehen wir zum Tresen und bestellen. Wir nehmen einen Sandwich White Meat Chicken Salad. Der Mann hinterm Tresen, vermutlich der Bagel Nazi, mustert uns kurz und fragt gerade heraus: „Where are you coming from?“ Huch? Hat uns der Akzent verraten? Oder war es vielleicht die Kleidung, die des Wetters wegen ein wenig zu sehr Touri-Style ist? Im Laufe unseres Besuchs im Bagel Deli dämmert uns dann, das wir wohl den absoluten Insider-Treffpunkt für Einheimische aufgetan haben und uns einfach unser bedächtiges Verhalten verraten hat. Die anderen Deli-Gäste öffnen schwungvoll die Tür, gehen straight zur Kaffeebar, ziehen sich einen Becher, bestellen ihren Sandwich oder Bagel am Tresen, ohne die Menükarte auch nur eines Blickes zu würdigen, und lassen sich anschließend auf ihre Stühle fallen. Davon haben wir natürlich keinen Punkt beachtet. Das Gesicht des Bagel Nazi hellt sich auf, als er hört, dass wir aus Germany kommen. Puh, wir dürfen wohl erst mal bleiben. Als wir an der Kaffeebar stehen, hören wir, wie der Bagel Nazi zu einem Deli-Gast sagt: „They are from Germany.“ So müssen sich die armen Affen im Zoo also fühlen. Mit zwei Kaffeebechern bewaffnet suchen wir uns einen Platz im Deli. Dabei wird auch sehr deutlich, warum der Bagel Nazi Bagel Nazi heißt. Überall, also wirklich überall im Deli hängen kleine Schildchen mit Aufforderungen und Belehrungen für uns Gäste. Am Kühlschrankglas hängt die Drohung „Break the glass, pay the glass!“. Und bei der Kaffeebar steht auf weißem Papier mit Edding der Hinweis „Only one coffee for each person“ und „Put the milk back in the fridge“. Falls sich dennoch ein Gast trauen sollte, dem Bagel Nazi nicht zu gehorchen, gibt es noch den allgemeinen Hinweis, dass der gesamte Bereich kameraüberwacht ist. Herr B. und ich haben die Botschaft verstanden und versuchen, keine unnötigen Bewegungen zu machen. Nicht, dass noch aus Versehen ein Glass kaputt bricht. Es geht alles gut. Und als der Bagel Nazi uns die Sandwich bringt, staunen wir nicht schlecht. Was er uns da auf einem Tablett neben einer Gurke, einem Keks und einer Mini-Chipstüte serviert, sucht seines Gleichen. Das Sandwich ist nicht groß, es ist gigantisch.

Eigentlich ist es ein Chicken-Salat mit Toastbrot. Herr B. vernichtet seine beiden Hälften inklusive Beigaben bis auf den letzten Krümel. Ich mache bei der Hälfte schlapp. Pappsatt gehen wir zur Kasse zum Bezahlen. Der Bagel Nazi hat unseren Small Talk von vorhin nicht vergessen und knüpft nahtlos daran an: „From Germany, okay? Where there are you coming from?“ Hamburg kennt er nicht. Aber München. Da war er mal 1985, als der Dollarkurs  wesentlich besser war als heute. Langsam taut der Bagel Nazi auf. Er erzählt uns, dass seine Frau holländische Wurzeln habe und sie mal einen Trip durch Europa gemacht hätten. Vor besagten 30 Jahren. Er selbst sei Grieche. Jetzt, da Herr B. und ich ja schon die halbe Lebensgeschichte vom Bagel Nazi kennen, lädt er uns bestimmt gleich noch auf ein Budweiser ein, denke ich. Aber falsch gedacht. Der Bagel Nazi wünscht uns noch einen safe trip und schiebt ein „be careful“ hinterher, als er hört, dass es noch mal nach New York geht.

Nach diesem sehr reichhaltigen Frühstück beschließen Herr B. und ich, noch einmal ins Motel zu gehen und uns aufs Bett zu werfen. Essen macht müde und außerdem steckt uns noch etwas die Thunderstorm-Nacht in den Knochen. Nach ein bisschen chillen geht es schließlich zum Beach, der auch ohne Sonne sehr schön ist. Und man kann es sich ja vorstellen, wie man hier liegt, auf einem Handtuch im Bikini, mit einem guten Buch und warmen Sonnenstrahlen auf der Haut.

Herr B. disst noch kurz die amerikanischen Möwen, die seiner Meinung nach viel fetter seien als die deutschen, und dann geht’s mit schönen Strand-Gedanken im Gepäck mit dem Auto in Richtung Tom’s River, ein kleines Städtchen in der Nähe von Point Pleasant Beach. Trotz Saison ist wegen des Wetters heute relativ wenig los. So können wir ganz entspannt über die engen Straßen rollen, an der rechts und links ein paar Häuschen stehen und dahinter auch schon das Meer seine Wellen bricht. Gegen 16:00 Uhr beschließen wir, für einen Kaffee einzukehren und fahren in Richtung Brick. Herr B. hatte gesehen, dass es dort einen Walmart geben soll. „Den musst du dir unbedingt ansehen!“, prophezeit er mir. „Da haun sich die Amis die Einkaufswagen mit XXL-Packungen voll! Und das alles für’n Appel und nen Ei.“ Obwohl wir vorher via Google Maps den Standort recherchiert haben, finden wir den Walmart einfach nicht. Dafür aber unzählig andere Läden. Sie sind in kleinen Grüppchen zusammen geschlossen, die einen Komplex ergeben und jeweils über einen großen Parkplatz zu erreichen sind. Zuerst fahren wir zu Barnes & Nobles, einer amerikanischen Buchladenkette. Hier gibt es auch einen Starbucks, dem wir natürlich einen Besuch abstatten. Neben 2 Latte läuft uns noch dieser Mini-Cookie (Durchmesser: 12 Zentimeter) über den Weg.

 Auf unserer weiteren Suche nach dem Walmart stolpern wir über ein Sportgeschäft namens Dicks, das gerade Sale hat. So ein Zufall! Das müssen wir uns aus der Nähe ansehen – und es wiederholt sich das, von was ich bereits in den Outlets Zeuge wurde: Herr B. hat einen Shopping-Run. Aber auch ich finde dieses Mal ein paar schöne Teile. „Man muss ja auch immer bedenken, dass das alles total günstig ist“, versucht Herr B. das, was gerade passiert ist, zu erklären.

Mittlerweile ist es 17:30 Uhr und wir fahren zurück zum Motel. Nach einer kurzen Verschnaufpause auf dem Bett – shoppen ist anstrengend – machen wir uns los zum Abendessen. Leider regnet es immer noch, daher nehmen wir das Auto. Da einige unserer vorher recherchierten Favoriten heute Ruhetag haben, landen wir am Ende bei Applebee’s in Brick, einem Diner im typisch amerikanischen Stil. Herr B. und ich wählen beide Burger – mein erster während unseres USA-Trips. Herr B. ist da professioneller und isst heute bereits seinen 6. Burger. Für mich gibt es einen Cheeseburger und Herr B. entscheidet sich für den American Standard mit Käse, Gurke und roten Zwiebeln.

 Der Burger-Experte bemerkt, dass er noch nicht „total satt“ sei. Deshalb gönnen wir uns zum krönenden Abschluss – und weil heute das Wetter so blöd war -, noch ein Dessert, das es in sich hat: salted caramel pretzel bites mit cream cheese sauce.

Danach weiß ich auch, was „total satt“ bedeutet. Das bin ich nämlich definitiv nach Burger und „american Pretzeln“.

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