10. Tag in Arlington/Washington – A piece of Germany in Washington D.C.

Am Morgen des 10. Tages erwachen Herr B. und ich gegen 9:00 Uhr und sind überraschenderweise ausgeschlafen für unseren ersten Tag in Washington. Überraschenderweise, weil nach Herrn B.’s Feststellung hinsichtlich unserer Alkohol-Abstinenz Ty’s Rotwein und 3 Budweiser gestern Abend dran glauben mussten. Doch unsere Körper scheinen gut trainiert und noch von den rosigen Zeiten in good old Germany zu zehren: Keine Spur von Katerstimmung. Das zelebrieren wir mit einem leichten Frühstück aus unserer Küche. Es gibt Oatmeal mit Äpfeln und einem sehr schwarzen Kaffee, den Herr B. gleich wieder zurück in die Tasse spuckt. Der Gute hat wohl bereits den Starbucks-Köder geschluckt.

Unser heutiges Programm startet auf dem Nationalfriedhof in Arlington. Am Eingang machen wir Halt am US Marine Corps War Memorial – einem 1954 errichteten Kriegerdenkmal mit sechs Soldaten-Statuen, die gemeinsam die amerikanische Flagge halten.

Es steht sinnbildlich für alle US Marine Corps, die seit seiner Gründung 1775 fielen. Und das sind einige. Die Namen der Kriege sowie die Dauer sind in den Stein des Denkmals gehauen. „Da haben die Amis aber noch viel Platz gelassen“, stellt Herr B. nüchtern fest. Sind wohl ein wenig pessimistisch, die Amis. Oder realistisch – wie man es sehen möchte. Als wir an dem Denkmal ankommen, stellt sich gerade eine Gruppe von Kriegsveteranen für ein Bild in Pose. Der Fotograf versucht etwas ungeschickt, die Stimmung aufzuheitern, als er sagt: „Come on everybody, show me your best face

even it’s not the prettiest.“ Als Herr B. und ich beim Friedhof ankommen, staunen wir erst mal nicht schlecht. Bereits am Eingang können wir aus der Ferne das Gräbermeer aus weißen Grabsteinen erahnen. Insgesamt gibt es hier 240.000 Gräber, die zu Ehren der Soldaten aus den unterschiedlichen Kriegen aufgestellt wurden.

Häufig haben auch die angehörigen Frauen und Kinder einen Stein bekommen. Dabei wird unterschieden zwischen einfachen Soldaten, die einen kleinen weißen Stein bekommen, Generälen oder Majors, bei denen das Grab üppiger und die Steine zumeist braun oder gräulich sind, und natürlich den Grabstätten der amerikanischen Präsidenten. Diese erkennt man zum einen an einem Hinweisschild, das den Weg weist, und an den unzähligen Touris, die sich davor drängen. Die Blumen und Beigaben, die Herr B. und ich bei vielen Gräbern entdecken, lassen uns vermuten, dass zum Memorial Day am 25. Mai hier wohl einiges los gewesen sein muss. Als wir gegen Mittag den Friedhof nach gut einer Stunde verlassen, brennt die Sonne bereits bei 30 Grad vom wolkenlosen Himmel.

Wir überqueren die Memorial Bridge, die über den Potomac River führt, und Arlington von Washington D.C. trennt.

Auf der anderen Seite angekommen, stolpern wir fast in das Gebäude des Lincoln Memorial, in dem sich eine riesige, sitzende Statue des 16. Präsidenten des USA befindet, Abraham Lincoln. Von den Stufen aus haben Herr B. und ich einen einmaligen Blick auf das Washington Monument und das, leider aktuell eingezäunte Capitol. Der Weg bis zum Monument führt an einem künstlichen angelegten Teich entlang, auf dem einige Enten ihre Runden drehen. Ohnehin arbeiten die Amerika bei ihrer Architektur viel mit Wasser und derartigen Anlagen. Während wir hier so entlang schlendern, merkt Herr B. an, dass ja heute das Pokalspiel von Wolfsburg gegen Dortmund ist, das er unbedingt sehen möchte. Gut, dass er es sagt, das hätte ich fast vergessen. Nicht – Herr B. erinnert mich fast täglich daran. Weil er aber weiß, dass sich meine Begeisterung darüber in absoluten Grenzen hält, gerade, wenn das Wetter so gut ist wie heute, stellt er mir in Aussicht, die Verköstigung während des Spiels auf seine Kappe zu nehmen. So steuern wir also nach einem Abstecher über das National WWII Memorial und einem kleinen Erfrischungseis zwischendurch zu der ersten Bar, die uns empfohlen wurde. 

 Der Herr am Eingang des Buffalo Billiards teilt uns mit, dass sie das Spiel erst abends, also nicht live zeigen. Herr B. macht sofort auf dem Absatz kehrt und hört so gar nicht mehr das „Auf Wiedersehen“ des Bar-Mitarbeiters. Wir steuern auf die nächste Sportsbar ein paar Straßen weiter zu. Hier würde man auch erst mal Arsenal zeigen, die aktuell spielen, und danach dann Deutschland, heißt es am Eingang. Als die anderen Gäste Herrn B.’s Anliegen, das deutsche Fußballspiel sehen zu wollen, hören, mischt sich ein Asiate ein und zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite: „They will show the game“, sagt er. Herr B. und ich folgen seinem Fingerzeig aber erkennen auf Anhieb nicht, was er meint. „Which Bar do you mean?“, fragen wir leicht irritiert. „The Sauf Haus“, erwidert der Asiate. Herr B. und ich blicken uns ungläubig an. Kurz denken wir, die Jungs vor der Bar wollen uns auf den Arm nehmen. Aber als wir über die Straße auf die andere Seite gehen, prangt dort über einem kleinen Eingang mit Stufen nach oben der Name der Bar: Sauf Haus Bier Hall. Herr B. und ich müssen lachen, als wir das Sauf Haus betreten. Das hätte man sich ja denken können: Auf dem Rockefeller Center gibt’s keinen Audioguide in deutscher Sprache, aber das Münchner Oktoberfest ist natürlich in den USA vertreten. Die Treppe führt uns nach ganz oben auf das Deck des Sauf Hauses. Und hier steppt der Bär. Eng an eng, drängeln sich besoffene Fußballfans, zumeist Engländer wegen des Arsenals-Spiels, mit Maß in der Hand in der Hitze bei prallen 33 Grad. Bevor ich mich fragen kann, ob ich im falschen Film bin, stellt mir Herr B. fröhlich grinsend eine Maß vor die Nase.

Neben den gängigen bayerischen Biersorten gibt’s hier auch Würstl und Bretzn. Leider oder zum Glück – je nach Sichtweise – bleiben wir hier nur eine Maß lang, da die Bedienung hinterm Tresen das deutsche Spiel nicht auf dem TV zeigen kann (oder will). Herr B. ist aber dank Internet bereits bestens über den Spielstand informiert und es läuft trotz seiner Abwesenheit gut. Mittlerweile ist Halbzeit und wir gehen, auf dem Dach des Sauf Hauses fertig gegrillt wie zwei Bier-Hähnchen, zurück zu der Bar auf der anderen Seite, die nun tatsächlich das deutsche Spiel zeigt. Hier sind wir auch in deutscher Gesellschaft mit anderen Fans, die sich alle in einer Ecke zusammen gerottet haben. Das scheint auch der Kellner zu wissen, denn er tritt an unseren Tisch mit einem Wischtuch und der Ansage: „Aufstehen!“ Mit seinem Akzent klingt es zwar eher wie ein Befehl als wie eine Bitte, aber es ist nett, wie bemüht die Amis sind, ihre drei Brocken Deutsch unterzubringen. Herr B. hat nach dem Maß wohl Blut geleckt und tankt mit Heineken und Budweiser nach. Ich gönne mir einen Angry Orchard Cider, der hier eine Art Nationalgetränk zu sein scheint. Hungrig von so viel Sonne, Bier und Pokalfinale-Aufregung, ordern wir Chicken Tenders (frittiertes Hähnchen) und eine Art amerikanische Maultaschen (gedünstetes Hähnchen in Teig).

Als Herr B. sein letztes Budweiser leert, blickt er mich mit glasigen Augen müde an und sagt: „Puh bin ich im Arsch. Ich glaub ich hab wieder Jetlag.“ Nein mein Lieber, aber du hast ordentlich einen sitzen.

Nach einem erfolgreichen 3:1 verlassen wir die Lucky Bar, in der immer noch einige Arsenal Fans den Sieg feiern und in der nun die Spanier mit ihrer Copa del Rey das Steuer übernommen haben. Als wir wieder in die Washingtoner Hitze heraus treten, greift Herr B. nach meinem Arm und sagt: „Pokalsiege sind echt anstrengend. Ich glaub du musst mich jetzt führen.“ Also führe ich meinen müden Finalsieger zum weißen Haus und durch die City zurück zum Monument.

 Nach immer wieder kleinen Stopps auf Parkbänken – nicht nur Pokalsiege machen müde, auch Bier trinken und Fußmärsche bei 30 Grad -, erreichen wir das Washington State Capitol. Mittlerweile ist es 17:30 Uhr und wir beschließen, dass wir für heute fertig sind. Im wahrsten Sinne des Wortes. Herrn B.’s und meine Haut funkt, trotz 30er Sonnencreme, bereits SOS und hat die Signalleuchten angeschmissen. Herr B. würde jetzt sagen, dass wir aussehen wie Dorftrottel. Oder wie besoffene Engländer. Also fahren der besoffene Engländer und der Dorftrottel mit der Metro zurück nach Arlington. Nach 15 Minuten erreichen wir unsere Haltestation Rosslyn und fallen nach einem kurzen Abstecher in den Supermarkt für ein Abendessen, in dem wir noch einen kurzen Schnack auf Deutsch mit dem indischen Besitzer halten, in unser Bett.

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