9. Tag in Niagara Fälle/Arlington – „I would walk 500 Miles“ Part II

Ein Roadtrip hieße nicht Roadtrip, wenn man nicht ab und zu auf der Straße unterwegs wäre. Und nicht nur, um zum nächsten Supermarkt zu fahren. Deshalb steht Tag 9 unseres USA-Trips auch ganz im Zeichen der Interstate. Etwas später als beim letzten Mal, sind wir gegen 8:30 Uhr abfahrbereit. Grund dafür ist der Iced Coffee aus der Fashion Outlet Mall, der Herrn B. fast die ganze Nacht über fröhlich unterhalten hat. Aber bei wieder 8 Stunden Fahrzeit kommt es hier nicht auf Minuten an. Beim Verlassen unseres XXL-Hotelzimmers weist mich Herr B. darauf hin, dass sich noch der alte Codeaufkleber vom Hinflug an meinem Koffer befindet und ich diesen besser gleich mal abmachen sollte. „Das gibt sonst Probleme auf dem Rückflug“, sagt er etwas oberlehrerhaft. „Achso ja, ich weiß, den mache ich noch ab“, entgegne ich abwesend. Das hat für mich jetzt gerade, da wir im Aufbruch sind, Priorität Y. Als Herr B. erst seinen und anschließend meinen Koffer in den Chrysler wuchtet, reist er plötzlich wie zufällig und mit einem melodramatischen „Ups!“ den Codeaufkleber ab. Gut, dass er sofort danach schon grinsen muss. Vor der Auffahrt zur Interstate wollen wir noch etwas Geld abheben. Aus der Ferne entdecken wir die großen Lettern der Bank of America und Herr B. steuert darauf zu. Als wir näher kommen, erkennen wir, dass es keine normale Filiale ist. Es ist ein drive-through. Großartig! Die Amis haben doch immer noch ein Ass im Ärmel, wenn es darum geht, sich noch weniger zu bewegen.

Mit neuen Dollarnoten geht’s los –  470 Meilen einmal quer durch Pennsylvania. Zum Frühstück/Lunch fahren Herr B. und ich gegen 11:30 Uhr auf einen Rastplatz zu Tim Hortons. Ich wähle ein Oatmeal und einen Latte. Herr B. drückt heute mal ein low-calories-eye zu und entscheidet sich für Turkey-Sausage-Sandwich, Donut und Cappuccino.

  

In der Schlange fällt uns ein Mann auf, der, während er auf seinen Kaffee wartet, in Sekundenbruchteilen seinen Donut entpackt und mit einem Happs herunterschlingt. Vielleicht hatte er einfach nur tierischen Hunger. Vielleicht war diese Szene aber auch ein Vorbote auf das, was wir später noch zu sehen bekommen sollen.

Lag es am Schlafmangel von Herrn B. oder an der unfassbaren Hitze draußen, trotz Klimaanlage – diese Fahrt fühlt sich ganz genau wie 8 Stunden an und wie keine Sekunde weniger. Die Tatsache, dass alle paar Meter tote Tiere links und rechts am Straßenrand liegen, sorgt nicht unbedingt dafür, dass diese Autofahrt auf Platz eins von Herrn B.’s und meiner schönsten Autobahnstrecken katapultiert wird. Zwischendurch machen wir immer mal wieder Halt, um uns die Füße zu vertreten und kalte Getränke zu kaufen. An einem Rasthof in Somerset wird uns die zweifelhafte Esskultur der Amis dann mehr als uns lieb ist vor Augen geführt. Hat es mit der Lage des Rasthofes zu tun oder sind Herr B. und ich einfach sehr aufmerksam an diesem Tag? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall scheint der Rasthof fast aus allen Nähten zu platzen, so viele stark übergewichtige Amis stehen hier an den verschiedenen Essständen an. Und was sie dann bei Burger King & Co. wegschleppen und schon auf dem Weg zum Sitzplatz oder Auto im Gehen „weg snacken“, übertrifft das Wort Maßlosigkeit bei weitem. Den Mengen nach zu urteilen kann man fast nur hoffen, dass sie gerade eine 4-wöchige Hungekur hinter sich haben. Das wirklich Unfassbare an diesem Rasthof-Erlebnis aber ist, dass viele von ihnen ganz offensichtlich bereits Schwierigkeiten haben, sich auf den eigenen Beinen fortzubewegen. Viele von ihnen humpeln oder haben Gehhilfen. Einige sitzen auch in Rollstühlen. Und der hinten dran laufende Nachwuchs passt traurigerweise schon fast in ihre Fußstapfen. Als wir draußen in der Sonne sitzen und das muntere Treiben beobachten, kaut Herr B. ganz lustlos auf seinem Burger herum und schiebt mir mit den Worten „Magst du welche?“ seine Pommes rüber. Ich kann ihn verstehen – mein Appetit hat sich auch still und heimlich verabschiedet.

Gegen 17:30 Uhr erreichen wir den Dunstkreis von Washington und reihen uns brav in den allabendlichen Feierabendverkehr ein. Das kann in den USA schon mal eine gesamte Abendplanung aus den Angeln heben. Gut, dass Herr B. und ich nur dringend zur Toilette müssen. Nach 10 Minuten absolutem Stillstand fällt mir eine Spiegel-Reportage über Onlinespiele-Zocker ein. Einer von ihnen war so abhängig, dass er sich nur noch von Fertigpizza ernährte, weil er dafür nur wenige Sekunden das Spiel unterbrechen musste, und in leeren PET-Flaschen sein (kleines, hoffe ich) Geschäft verrichtete. Der Stau löst sich auf, bevor ich mich nach leeren Plastikflaschen im Auto umgucken kann.

In den Virginian Suites in Arlington angekommen, erwartet uns ein gepflegter und schöner Hotelkomplex. Auch unser Zimmer ist sehr groß und mit einer kleinen Küche und einer Sitzecke ausgestattet. Wir beschließen, die Kochecke auch gleich fürs Abendessen zu nutzen. Es gibt sogar einen Korkenzieher, sodass wir endlich dem Begrüßungswein von Ty an den Kragen gehen können. Herr B. fackelt nicht lange und kürt die Suite umgehend zur besten Unterkunft unserer bisherigen Reise. Nach einem Abstecher zum Supermarkt um die Ecke, bereite ich Herrn B. und mir eine Reispfanne aus Zwiebeln, Mais, Oliven, Mozzarella und einer Süß-Sauer-Fertigsoße zu. Zwar mit Gemüse aus der Dose – frisch gibt es hier nur in den größeren Food-Märkten -, aber uns war nach den Eindrücken heute einfach nach selber Kochen – und zumindest nach einem Hauch von gesundem Essen.

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