8. Tag in New York/Niagara Fälle – So viel Wasser, so viele Klamotten!

Nach einer wunderbar entspannten Nacht wache ich am nächsten Morgen gegen 8:00 Uhr auf. Der Jetlag scheint das Zeitliche gesegnet zu haben. Ich bin nicht traurig darum, bleibt mir doch die Gewissheit, ihn sehr bald wieder in meine Arme schließen zu dürfen. Auch Herr B. wacht langsam aus seinem Koma ähnlichen Schlaf auf, in den er sich am Abend vorher gegen 21:00 Uhr mit den Worten „Ich muss jetzt pennen, sonst sterbe ich“ verabschiedet hatte. Aber der Arme saß ja auch fast den ganzen Tag hinterm Steuer – und das ohne Cowboy-Hut auf dem Kopf und Halm im Mund. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Nachdem wir noch eine halbe Stunde im Bett dösen, machen wir uns auf zu unserem ersten, richtigen Tag bei den Niagara Fällen.

Die Frühstücksfrage ist schnell geklärt: Starbucks macht das Rennen. Nicht, weil wir nicht experimentierfreudig sind – ganz im Gegenteil. Aber die Gegend hier um die Falls ist recht übersichtlich und aktuell, da keine Hauptsaison ist, ist auch das Angebot ein wenig reduziert. Ich für meinen Teil habe damit kein Problem, komme ich bei Starbucks mit Joghurt, Früchten und einem leckeren Latte voll auf meine Kosten. Auch Herr B. ist vom super-double-mega-size-Bagel auf low fat umgestiegen. Ist einfach irgendwie blöd, wenn man schon vor 12:00 Uhr über 500 Kalorien weg gefrühstückt hat. Draußen in der Sonne lassen wir uns auf zwei Stühlen Joghurt und Latte schmecken und planen den Tag. Ich lasse Herrn B. in dem Glauben, als wüsste ich nicht, dass er dies natürlich schon längst in seinem Kopf getan hat.

Aber bei der Priorisierung der Aktivitäten herrscht ohnehin friedlicher Konsens: Als erstes steht die Tour mit der Maid of the Mist auf dem Programm – ein Boot, das Besucher mit 17$ im Portemonnaie nahe der Niagara Fällen transportiert. Wir hatten dieses Spektakel bereits am Tag zuvor von oben beobachtet und es sah nach einer Menge Spaß aus – und ein wenig nach nassen Klamotten. Bevor Herr B. und ich uns aufs Boot wagen, geht es aber erst einmal auf eine Aussichtsplattform, von wo aus wir einen gigantischen Blick auf die Niagara Fälle haben. Und wir stellen fest: Die Amis sind schon Füchse. Sie kennzeichnen jedes Fleckchen, das auch nur im Entferntesten etwas mit dem Wort „Aussicht“ zu tun hat, als eine entsprechende Plattform, zäunen es ein, stellen ein Kassenhäuschen davor und setzen ein älteres Männchen, meistens mit Schnäuzer, rein. Dann müssen sie nur noch Tickets drucken und irgendwo nahe des Häuschens gut leserlich „Observation Deck“ hinschreiben – und schon öffnen die Touris voller Freude ihre Geldbörsen. Hier in NF (Abkürzung für die Regio Niagara Fälle) sind es auffällig viele Inder, die zu den Sightseeing Plätzen strömen. Neben den indischen und nicht-indischen Touris schießen wir also erst einmal die obligatorischen Fotos.

     Mit dem Aufzug fahren wir anschließend runter zum Anleger, wo eine Dame Herrn B. und mir auf dem Weg zum Boot zwei Regenponchos mit den Worten „Nice afternoon shower“ in die Hand drückt. Auf dem Boot können wir das mittlerweile übliche Touri-Phänomen beobachten: Die Leute gehen, ja rennen fast nach oben ans Deck und stolpern mit ihren Kameras und meterlangen Objektiven zu den vermeintlich besten Plätzen. Sie scheinen immer schon vorher genau zu wissen, um wie viel Grad sie sich nach Norden, Süden, Westen oder Osten ausrichten müssen, um DAS Foto schießen zu können. Im Idealfall noch als Selfie mit sich selbst darauf. Ob sie das vorher googeln? Herr B. und ich suchen uns ebenfalls einen Platz, der aus Sicht der Selfie-Touris sicherlich nur 2. Klasse ist, und ziehen uns die blauen XXL-Ponchos über. Eine Kapuze gibt es auch. Wir sehen aus wie ein Schlümpfe-Dampfer, als das Boot ablegt. Die Maid of Mist ist übrigens auch der einzige Ort unserer bisherigen USA-Tour, an dem Herr B. und ich keine einzige Spiegelreflexkamera um einen Touri-Hals haben baumeln sehen. Auch die Japaner und Chinesen verstauen ihre Canons und Nikons brav unter dem wasserdichten Poncho. Und das ist auch besser, denn die Afternoon-Shower-Prophezeiung soll sich noch erfüllen. Aber auch mir als SLR-Besitzerin schmerzt das Herz ein wenig bei dem Anblick, den wir, einige Meter entfernt, von den Niagara Fällen, zu sehen bekommen, und den Herr B. und ich mit unseren iPhones einfangen, die durch die Niagara Dusche durch müssen.

            Der Lärm, den die herunter prasselnden Wassermassen verursachen, ist beeindruckend und wird nur getoppt durch zwischenzeitliche Aufschreie von Passagieren, die eine unerwartete Dusche abbekommen – ich inklusive. Bei unserer Tour fahren wir zwar nicht hinter die Niagara Fälle – das kann man nur zu Fuß gegenüber auf der kanadischen Seite -, aber die Gischtwolken und der Wind sorgen dafür, dass heute kein Passagier, egal auf welchem Platz er steht, ungeduscht das Boot verlässt.

Noch ganz euphorisch von dem Erlebnis gehen wir nach der 30-minütigen Tour von Bord. Wir erkunden noch etwas die unmittelbare Umgebung an den Felshängen der Niagara Fälle und ziehen anschließend weiter zu einem Café. Da wir heute ohne Wasservorräte los gezogen sind, meldet sich unser Durst. Besser gesagt, der Bierdurst. Herr B. und ich stellen fest, dass wir bislang sehr abstinent gelebt haben. Der letzte Drink war der Cider zu Herrn B.’s 30. Aber abgesehen von Bars oder Restaurants kommt man „auf der Straße“ (Kiosk, Pizzeria etc.) nicht ohne weiteres an alkoholisches. Herr B. fühlt sich nach eigenen Worten schon richtig entschlackt – ich weiß ja nicht. Um 14:00 Uhr lassen wir uns also schließlich bei TGI Friday’s in der Sonne nieder und gönnen uns ein Miller light und einen Angry Orchard Cider.  

Nach einem Blick in die Karte ordern wir auch noch zwei Kleinigkeiten – „für den Appetit, nicht für den Hunger“, wie Herr B. sagt. Heute gibt es Buffalo Wings, boneless, und einen Salat mit Knobi-Brot – was für wen, ist wohl klar.

   Anschließend geht’s kurz ins Hotel, um eine Decke und Lesestoff zu holen. Damit machen wir es uns auf der Grünfläche bei den Niagara Fällen gemütlich und braten mit Blick aufs Wasser in der New Yorker-Sonne.

 Nach einer Stunde sind wir kross und Herr B. steht, trotz Cappi, kurz vorm Hitzeschlag. Außerdem pellt sich grad noch der letzte NYC-Sonnenbrand auf seinen Ohren. Deshalb packen wir zusammen und gehen zurück ins Hotel.

Als nächstes steht die Fahrt zum 15 Minuten entfernten Fashion Outlet an. Als wir gegen 16:30 dort eintreffen ahnen wir noch nicht, dass Herr B. nach 3 Stunden die Mall als erster Shopping King mit kleinem Koffeinschock verlassen wird.

Aber erst mal der Reihe nach: Das Arenal ist riesig und es gibt neben neben Outlets mit Produkten aus der last saison zu unfassbar guten Preisen auch normale Läden. Von Gap, Levi’s, Nike, Adidas, Converse, Forever 21 über Body Shop über diverse andere Ketten ist alles dabei, was das Schnäppchen-Herz begehrt. Herr B. hat heute eine Shopping-Glückssträhne und schießt einen Schnapper nach dem anderen. Am Ende kann er eine Bilanz über zwei Jeans, ein Hemd, zwei Paar Schuhe und – Überraschung! – eine Cappi verzeichnen. Ich gebe mich, etwas bescheidener, mit einem Rock und zwei Paar Schuhen zufrieden. Daher gibt’s von mir ein Chapeau. Wir bezahlen mit meiner PIN-losen Visa-Karte und lassen am Ende 250$ in der Mall. Herr B. rechnet mir gefühlte 100 Mal vor, dass wir dabei insgesamt 200$ gespart haben. Das ist schon cool und so macht Shoppen einfach noch ein bisschen mehr Spaß. Das findet auch Herr B., der ganz euphorisch bemerkt: „Vom Shoppen bekommt man Glücksendorphine!“ Ach so ist das also! Der Mann sollte wirklich öfter Shoppen gehen, damit sich sein Hormonhaushalt reguliert. Zwischendurch wollen wir uns bei einem Kaffee etwas Energie holen. Herr B. schlägt vor, einen Iced Coffee zu bestellen. Wohl etwas benebelt von unseren Shopping-Erfolgen müssen wir zwei Mal mit den Köpfen geschüttelt haben, als der Dunkin Donuts Mitarbeiter fragt „With sugar?“ und „With milk?“. Als wir anschließend genüsslich an den Strohhalm ziehen, fließt bitterster, eiskalter Kaffee unsere Kehlen herunter… Zum Glück habe ich, wohl geistesgegenwärtig, Small-Size gewählt und versenke den Becher ab der Hälfte im Mülleimer. Der arme Herr B. hingegen liegt dank seines tief schwarzen Etwas in Size Medium fast die ganze Nacht wach.

Nach gut 3 Stunden intensiv Shopping tragen wir mit geschwällter Brust unsere Beute zurück ins Hotel.

Teilweise neu eingekleidet machen wir uns los zum Essen. Herr B. trägt stolz seine neue Boston Red Socks Cappi auf dem Kopf, die er in der Mall erworben hatte. Das war ein nachgeholter Kauf, wie er mir ca. 100 Mal erklärt, denn eigentlich wollte er sich die schon in Boston kaufen. Als wir unten an der Rezeption vorbei gehen, sehe ich, wie sich die Augen des ältere Herrn dahinter nach einem Blick auf Herrn B.’s neue Kopfbedeckung mit dem großen „B“ darauf – unter Insidern sofort als Red Socks Cappi erkennbar – weiten. Schon bei unserer Ankunft war ihm freudig Herrn B.’s Yankees Cap aufgefallen und es folgte ein Gespräch über Baseball, Mannschaften und das letzte Spiel, bei dem wir ja auch dabei waren. Der Rezeptionist war da schon schwer beeindruckt, vor allem als er hörte, dass wir aus Deutschland kommen. Nun also, als Herr B. mit der glänzend neuen Red Sox-Cappi langsam am Rezeptionsdesk vorbei schlendert, entweicht dem Herrn dahinter ein erfreutes „Oh no!!!“ – natürlich gefolgt von weiterem Baseball-Fachsimpeln, bei dem sich ein jüngerer Kollege gleich fröhlich mit einklinkt. Ich sehe mich um: Herr B. und seine Cappi genießen die volle Aufmerksamkeit im Foyer. Eine Dame am Info-Desk wirft mir einen vielsagenden Blick zu und tönt über das Männer-Gespräch hinweg: „It’s just a hat!“ Recht hat sie. Aber das sollte sie mal nicht Herrn B. und die anderen beiden Herren hören lassen.

Gegen 20:30 Uhr kommen wir bei der Pizzeria Donatello’s an und bestellen zwei Pizzen. Der Bezug zu den Turtels wird klar, wenn man hier eine große Pizza bestellt. Dann bekommt man diese nämlich auf einem nachempfundenen Mülltonnendeckel serviert, originalgetreu wie bei den Turtles. Die Pizzen sind dann auch sehr lecker, auch wenn wir die Normal-Size ohne Mülldeckel wählen.

Die Pizzeria ist rustikal und einfach – es gibt z.B. nur Plastikbesteck und Pappteller -, aber gemütlich und sympatisch. Nur eins ist wie überall in Amerika: Alle Läden sind wie ein Eisfach. Ventilator oder Klimaanlage – eins von beiden brummt immer. Hier ist es ein riesiger Ventilator. Da draußen trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit noch hohe Temperaturen herrschen, sind Herr B. und ich dünn angezogen und ich friere etwas. Herr B. stellt fachmännisch fest: „Ist dir kalt? Du hast ja Tölpelpelle.“ Als wir den Weg von der Pizzeria zum Hotel zurück gehen, versichere ich mich kurz, dass Herrn B. der Unterschied zwischen einem Erpel und einem Tölpel bekannt ist.

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