7. Tag in Boston/Niagara Fälle – „I would walk 500 Miles“

War es die leckere Pizza oder das unfassbar gemütliche Boxspring-Bett – in dieser Nacht schlafe ich so tief und fest wie schon lange nicht. Schade eigentlich, dass diese Ruhe jäh unterbrochen wird. Genauer gesagt um 6:30 Uhr am nächsten Morgen. Das Geräusch, das mich weckt, ist das Prasseln einer Dusche. Es braucht einen Moment, bis ich mich sortiert habe und feststelle, dass es Herr B. ist, der da den Hahn voll aufgedreht hat. Fehlt eigentlich nur noch, dass er unter der Dusche singt. Ich bin noch viel zu müde, um mich darüber zu ärgern. Und außerdem vermute ich einen engen Zusammenhang zwischen Herrn B.’s sehr frühen morgendlichen Aktivismus und unserem geplanten Aufbruch zu den Niagara Fällen. Als er wieder im Zimmer ist, lässt er mit seinem unschuldigsten Blick so beiläufig wie möglich fallen: „Da hat ein Nachbar heute Morgen schon voll früh geduscht. Davon bin ich wach geworden.“ Ein Nachbar – schon klar. Gut, dass wir uns schon ein Weilchen kennen. Wir packen unsere Sachen also ein ganz wenig früher als geplant und starten los auf unseren 8-stündigen Trip in den Westen der USA, Richtung Buffalo.

   Die Fahrt vergeht trotz Tempolimit von 65 Meilen pro Stunde schneller als befürchtet. Aus den Boxen dröhnt feinste Countrymusik und es fehlen Herrn B. nur noch Cowboy-Hut und Halm zwischen den Zähnen. Es sind relativ wenig Autos unterwegs. Vielleicht, weil uns der Spaß – abgesehen vom Sprit – zusätzlich insgesamt 20$ Maut kostet. Aber wer in die USA reist, sollte sich wohl nicht über solche Peanuts beschweren. Um unsere Koffein-Tankanzeige wieder nach oben zu befördern, kehren wir unterwegs bei alten Bekannten wie Starbucks & Co. ein. Denn auch hier, auf der Interstate, weht die grüne Fahne an fast jeder Service Area. Bei unserem ersten Frühstück-Stopp deckt Herr B. dann noch einen sogenannten Touri-Nap – eines von Herrn B.’s Lieblingsworten – auf. Ich hatte mir in einem 08/15 Getränkeshop ein Müsli für 3,99$ gekauft und gemeinsam mit Herrn B. bei Starbucks einen Latte. Herr B. griff bei Starbucks zu einem Müsli für 4,29$. Nachdem wir gefrühstückt hatten und Herr B. die Plastikbehälter entsorgen will, fällt sein Blick auf die Müsliverpackungen: Form, Verpackung und Label sind absolut identisch – nur der Preis eben nicht. Sherlock Holmes entsorgt die Beweismittel kopfschüttelnd im Mülleimer.

 Um 16:30 Uhr kommen wir in unserem Quality Hotel, Rainbow Boulevard, an und sind restlos begeistert. Unsere Unterkunft ist fünf Minuten von den Niagara Falls entfernt und das Zimmer ist riesig. Im Badezimmer könnte man glatt noch ein 3. Bett aufstellen. Alles fast ein wenig zu groß – Herr B. und ich stutzen. Ein Blick auf den Reservierungsbeleg gibt Aufschluss: Herr B. hatte aus Versehen ein disabled Zimmer für uns gebucht.

Nachdem wir unsere Sachen in unserem riesigen Hotelzimmer verstaut haben, geht es bei 30 Grad raus zu den Niagara Fällen. Es ist schon ein wenig unfassbar, dass wir nun an dem Ort sind, von dem wir schon so viele Bilder gesehen haben. Ein wenig ehrfürchtig betreten wir mit anderen Touris den Weg zur Goat Island, von wo aus man die Fälle besonders gut sehen kann.

      Von unserer kleinen Aussichtsplattform sieht man nicht nur die reißenden Fälle, sondern kann auch nach Kanada, genauer gesagt, Ontario, blicken. Ist schon sehr beeindruckend und ich kann bereits jetzt nachvollziehen, weshalb viele Besucher von diesem Platz schwärmen. Als gegen 19:00 Uhr dunkle Gewitterwolken aufziehen, verwandelt sich der Ort plötzlich und präsentiert uns ein kleines Naturschauspiel: Die Möwen kreisen in Grüppchen direkt unter den schwarzen Wolken, die bis auf die Berghänge tief hängen und vom fast orkanartigen Wind hin und her geworfen werden. Auch die Gischtwolken über den Fällen und dem Wasser werden von der Kraft des Sturms erfasst und 34 Meter bis zu uns hoch geschleudert. Das alles geschieht innerhalb weniger Sekunden und hat bestimmt schon dem einen oder anderen Handy- oder Sonnenbrillen-Besitzer einen vorzeitigen Abschied von seinem Hab und Gut beschert.

Ohne Verluste begeben Herr B. und ich uns ins Hard Rock Café. Hier macht Herr B. die Fünfe voll. Das heißt, er isst seinen 5. Burger, seit wir in den USA sind. Zurecht fragt er etwas verunsichert, ob wir denn überhaupt schon so viele Tage in Amerika sind. Sind wir. Aber hier isst man einen Burger ja auch einfach mal so zwischendurch, als Snack zwischen Lunch und Dinner.

Aber er esse die Burger ja nicht zum Spaß, korrigiert Herr B. mich. Er führe gerade eine Studie durch. Der Arbeitstitel laute: Wie viele Burger muss man essen, bis man die Gewohnheiten der Amis, z.B. ihren Slang etc., vollständig beherrscht? Also eine linguistische Forschung mit kulturellem Schwerpunkt. Das kann ich als Germanistin natürlich nur gutheißen und unterstützen. Zum Abschluss gönnen wir uns ein Budweiser und noch ein Pint für die heimische Gläsersammlung.

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