6. Tag in Boston: Ein klein wenig Heimatgefühl

Unseren ersten Morgen in Watertown, Boston starten wir in einem Starbucks gleich bei uns um die Ecke. In NYC und vermutlich in ganz Amerika winkt alle paar Meter das mittlerweile mehr als vertraute, grüne Symbol mit der aus der griechischen Mytologie stammenden Sirene – der untrübsame Hinweis auf einen Store in der Nähe. Für die Amerikaner ist Starbucks das, was für uns Deutsche eine Bäckerei ist. Nach einem Double Bacon Cheese & Egg Toast, einem Müsli und zwei Latte beim „amerikanischen Bäcker“ geht es gut gelaunt zum Bus, der uns in die City bringt.

Noch ist der Himmel etwas bedeckt, aber es verspricht eine Hitze zu werden, die es locker mit den tropischen Temperaturen in NYC aufnehmen kann. Jetzt bei Tageslicht bekommen wir vom Bus aus einen guten Eindruck von der Umgebung und den vielen Food-Lädchen. In Boston angekommen, gehen wir die ca. 1-stündige Strecke bis zum Hafen zu Fuß. Unser Weg führt uns durch die Common Wealth Avenue – ein sehr schöner Stadtteil mit alten Villen im britischen Stil, die uns mit großen Treppenaufgängen und kleinen, gepflegten Vorgärten mit blühenden Bäumen willkommen heißen. An den Häuserwänden rankt Efeu oder Wein empor. Hier möchte man am liebsten den Anker werfen und auf der Stelle seine Koffer auspacken!

Über den Bürgersteig und die Straße hinweg teilt eine parkähnliche Allee die beiden Straßenzüge voneinander. Nicht nur der Verkehr scheint hier reduzierter als in NYC, auch der durchdringende Ton des Horns der Polizei- und Krankenwagen ertönt bei unserem Besuch in Boston wesentlich seltener. Die Straße endet im Public Garden, eine wunderschön idyllische Parkanlage im Herzen Bostons, die 1837 errichtet wurde. Hier verweilen wir einen Moment und lassen uns von der Ruhe und Gelassenheit einfangen, die dieser Ort ausstrahlt. 

  Am Ende des Parks erwartet uns die Bostoner Innenstadt und wir springen erst einmal in den nächsten 7 Eleven, um unsere schwindenden Wasservorräte wieder aufzufüllen und noch ein bisschen was für den Geschmack zu kaufen:

Die Sonne hat sich mittlerweile den Weg durch die Wolken gekämpft und strahlt ohne Unterlass vom Bostoner Himmel auf uns nieder. Und Herr B. ist ja gerade heute aus Sicherheitsgründen ohne seine New York Yankees Cappi unterwegs. Jetzt hätten wir auch gut einen der unzähligen Food-Wagen gebrauchen können, die in NYC an jeder Ecke standen und uns schon ein wenig auf die Nerven gingen. Unterwegs möchte ich noch etwas Bargeld abheben, weil es sich – wie das Wasser – langsam dem Ende entgegen neigt. Bei der Citi Bank gebe ich meine Visa Karte in den Automaten und tippe den 4-stelligen PIN ein. Nachdem ich den gewünschten Betrag ausgewählt  habe, werde ich aufgefordert, den PIN erneut einzugeben. Anstelle der erwarteten Dollarnoten im Ausgabefach erscheint ein großes „PIN not acceppted“ auf dem Display. Oh no – langsam dämmert es mir, dass es wohl noch die Geheimzahl meiner vorherigen Visakarte war, die ich eingetippt hatte. Und der neue PIN ist irgendwo, nur nicht in meinem Kopf. Herr B. schnauft leise und wirft mir einen Blick zu, der ganz ohne ein einziges gesprochenes Wort für sich allein stehen kann. Manchmal frage ich mich, wie er so viel Unplanbarkeit überhaupt aushält. 

Am Hafen angekommen, lassen wir uns in der Congress Street gegenüber der Boston Tea Party-Museums-Schiffe auf einer Bank nieder. Gerade als Herr B. wieder zu einem Lobgesang auf Boston anstimmen möchte, entdecke ich in einem Spalt unserer Bank eine Spritze. Ja, es ist so eine Spritze. Herrn B. entweicht ein enttäuschtes „Hier also auch.“ Vom dreckigen und lauten New York mit der gefährlichen Bronx hatte er nichts anderes erwartet – aber im beschaulichen Boston? 

 Wir schlendern weiter am Hafen entlang zurück in die Innenstadt. Dort suchen wir erst einmal vergeblich eine öffentliche Toilette. Die Stadt scheint sich nicht komplett auf Touris auszurichten, was – obwohl wir die Konsequenzen dieser „Einsparungen“ gerade schmerzlich zu spüren bekommen – angenehm ist. Herr B. opfert sich schließlich und bestellt einen Iced Coffee bei Starbucks, damit ich die Toilette benutzen kann. Als ich, um gefühlte 5 Kilo erleichtert, zu ihm an die Kasse trete, wartet er noch auf seine Bestellung. „Guck mal, es gibt hier ja sogar Iced Tee“, sagt Herr B. und zeigt auf die Tafel. Ich nicke und beobachte den Subway-Mitarbeiter, der gerade einen Iced Greentea auf den Tisch stellt und nach guter, alter Subway-Manier das Getränk und den Namen des Bestellers aufruft: „One Iced Greentea for Andy!“ Wahnsinn, mir war nicht bewusst, welchen unmittelbaren Einfluss die Boston Tea Party von 1773 auch heute noch auf Boston zu haben scheint.

Nach einem kurzen Abstecher durch die City und zu 7 Eleven – ja genau, der Wassertank ist mal wieder leer – geht’s durch den Public Garden zurück zur Bushaltestelle. Dieses Mal gehen Herr B. und ich durch die angrenzende Allee auf dem Mittelstreifen.

 Wir sind ein bisschen wie verzaubert. Denn obwohl links und rechts die Autos fahren und die Allee immer wieder durch Übergänge unterbrochen ist, haben Herr B. und ich das Gefühl, hier auf diesem grünen Streifen weit weg von jeglicher Zivilisation zu sein. Während wir hier so entlang schlendern, hat sich Herr B. von dem Spritzen-Fund am Mittag wohl wieder erholt und er schwärmt weiter von Boston. Ich kann ihm nur zustimmen, es ist wirklich ausgesprochen schön. Aber natürlich gibt es auch hier wieder viele Menschen, die von all dem Glanz ausgeschlossen sind. Auf einer der Parkbänke sitzt ein Obdachloser mit einer kleinen Tüte, die wohl seine wenigen persönlichen Dinge enthält. Wir gehen schweigend an ihm vorbei. Herr B. erzählt mir anschließend, was er von Amerika und dem Gesellschaftssystem hier hält. Er spricht von New York als ein „Moorloch“, das alles und jeden aufsaugt („wie ein Moorloch eben!“) und das er mit der alt bekannten Redewendung „Morra und Gomocha“ vergleicht. Ich stutze und unterbreche ihn: „Meinst du Morra und Gomocha? Oder vielleicht eher Sodom und Gomorrha?“ 

Als wir gegen 17:00 Uhr die Busstation erreichen, frage ich mich, wie viel Weg herkömmliche Füße eigentlich in 6 Tagen zurücklegen können, bevor sie außer Betrieb sind. Bei meinen leuchtet nach dem Fußmarsch heute auf jeden Fall die Alarmleuchte. Und sie rauchen auch schon. Der Bus braucht für den Rückweg eine halbe Stunde länger (= 1 Std.), um uns durch den sehr dichten Feierabendverkehr zum Hotel zu bringen. Ich nutze die Zeit und betreibe etwas Augenpflege. Herr B. sitzt ja neben mir und hält Wache. Nachdem wir uns im Hotel kurz frisch gemacht haben, fahren wir mit dem Auto in die nahe gelegene Arsenal Mall. Nach Auskunft von einem Kumpel von Herrn B. gibt es hier ein Gap-Outlet. Und so ist es dann auch. Nach erfolgreichem Shopping von 8 Teilen (Flip Flops, Sonnenbrille, Sneaker Socken, Rock, Kleid, Nagellack, Sandalen, Pulli) für 111$ haben wir über 96$ gespart – vorausgesetzt wir haben die wie ein Maschinengewehr sprechende Gap-Kassiererin richtig verstanden. Der Kassenbon bestätigt unsere Vermutung. Das ist so großartig, dass wir beschließen, in Amerika nur noch in Outlets einzukaufen. Und hier braucht man ja auch keine Geheimzahl und ich kann mit meiner PIN-losen Visakarte bezahlen. Noch ganz beschwingt von so vielen tollen Schnappern lassen wir den Abend mit zwei dicken Pizzen von Domino’s Pizza und bei ein paar Folgen Full House auf unserem Zimmer ausklingen.

    

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