4. Tag in NYC – Eintauchen und mitschwimmen

Wie schon an den vergangenen Tagen weckt uns auch an unserem vierten und vorerst letzten Tag in NYC der Jetlag pünktlich um 6.00 Uhr. Herr B. und ich sind zwar eigentlich noch ziemlich müde vom vielen Kilometer, äh, ich meine natürlich Meilen abreißen, aber irgendwie hat der Jetlag ja auch recht: Es gibt für uns in New York noch so viel zu entdecken, da wäre es doch schade, jetzt auf seinen Schönheitsschlaf zu pochen. Und heute stehen auch tatsächlich wieder großartige Unternehmungen an: Als ehemals größter Dinosaurier-Fan aus ganz Bredenbeck muss ich natürlich ins American Museum of National History und da NYC von oben einfach umwerfend ist, geht’s aufs Observatory Deck des Rockefeller Centers. Und wir werden uns am Abend ein Baseballspiel ansehen. Herr B. ist einer der größten Baseball-Fans, die ich kenne. Na gut, ich kenne auch sonst keinen. Aber fest steht, dass er diese Sportart liebt – wie auch Fußball, Football, Rugby, Eishockey, Skispringen… hab ich was vergessen? Zu seinem Geburtstag hatte ich Karten für ihn für das Spiel Yankees gegen Rangers. Und Herr B., der morgen seine 30 Lenze voll macht, freut sich schon wie ein 12-jähriger auf das Spiel.

Nachdem wir uns, wie auch die vorherigen Morgende, in unserer Wohnung mit einem leckeren Frühstück aus warmen Oatmeal und Früchten gestärkt haben, machen wir uns also auf den Weg. Heute nehmen wir die Subway, da wir wegen des Spiels um 20:00 Uhr ein wenig auf die Zeit achten müssen und uns nicht einfach treiben lassen können. An der Station 81. Straße steigen wir aus. Von hier aus geht’s entlang des Central Parks zum Museum. Als wir die Treppen der Subway-Station hoch steigen, knallt die Sonne und ich bitte Herrn B., kurz anzuhalten, damit ich meine Sonnenbrille hinten aus seinem Rucksack nehmen kann. Herr B. lässt die Prozedur widerwillig über sich ergehen. Er kann fast nichts weniger ausstehen als diese Situation, wenn er, gestriegelt mit seinem Rucksack, still halten muss, weil jemand – also ich – etwas in seinem Rucksack verstaut oder etwas heraus holt. Er meinte mal zu mir, dass er sich dabei wie ein kleiner Junge fühlt, dem die Mama noch schnell eine Stulle und einen Apfel für die Klassenfahrt einpackt. Wenn ich ihn ärgern möchte, mache ich es absichtlich. Aber jetzt ist es einfach wirklich viel praktischer und schneller, wenn ich das eben selbst regele, als wenn Herr B. erst umständlich den Rucksack abnimmt. Was ich bei meiner Aktion nicht bedacht habe: Wir stehen in der Nähe des Aufgangs der Subway-Station. „Einfach nur blöd im Weg rumstehen“ ist so eine zweite Sache, die Herr B. nicht leiden kann. Der Tag hat fast erst gestartet und ich habe in Herrn B.’s Augen schon den Jackpot an unnötigen Aktionen geknackt. Es folgt eine kleine Standpauke mit Zurechtweisungen seinerseits, die ich mit einem, für die beginnende Diskussionen äußerst produktiven „Geht’s noch?“ kommentiere. Den 10-minütigen Weg bis zum Museum hat Herr B. erst einmal Zeit, um über sein Verhalten nachzudenken. Waren die paar Pädagogik-Vorlesungen in der Uni also doch zu was nütze.

Unsere untrübsame Urlaubsstimmung, der strahlende Sonnenschein und die duftenden Food-Wagen vor dem Museum in Kombination mit zwei knurrenden Mägen lassen uns den Rucksack-Subway-Vorfall schnell wieder vergessen. Satt und happy mit Hot Dog und Smoothie stellen wir uns an der – Überraschung! – Besucherschlange des Museums an. Heute bringt uns auch der NYC-Pass leider kein Benefit bei der Wartezeit.

Nach 2 Stunden, vielen Dinos und einer sehr empfehlenswerten Dark Universe-Show über die Big Bang Theorie, bei der Herr B. laut eigenen Aussagen fast einen epileptischen Anfall erlitten hätte und mir wegen des Jetlags fast die Augen zugefallen wären, geht’s wieder raus in die tropenähnliche Hitze von New York.

Auf dem Weg zum Rockefeller Center in der 50. Straße in Midtown haben Herr B. und ich dann unseren ersten, kleinen New York City-Trouble. War ein Sonnenstich daran Schuld oder vielleicht doch wieder der Jetlag? Ich weiß es nicht. Der Auslöser dafür ist weder für Herrn B. noch für mich noch ganz nachvollziehbar. Ich vermute aber, dass der Rucksack-Subway-Vorfall vom Mittag nicht ganz unschuldig daran ist, dass heute ein leises Grundbrodeln herrscht. Zumindest gehen Herr B. und ich die nächsten Blocks erst einmal ohne viele Worte zu verlieren nebeneinander her.

Angekommen in der Menschenschlange beim Rockefeller Center mit Aussicht auf ein längeres Nebeneinander ist dann alles wieder in norddeutscher Budder. Was lange Wartezeiten nicht für förderliche Auswirkungen auf das Miteinander haben können? Man sollte viel öfter anstehen. Nicht. Mit dem Fahrstuhl fahren wir in den 66. Stock und, ganz luxuriös, zwei weitere Stockwerke mit einer Rolltreppe. Das Rockefeller Center scheint die Senioren-Residenz unter den Aussichtsplattformen in NYC zu sein. Mir soll’s recht sein. Man wird ja auch nicht jünger und Herr B. morgen schon 30. Der Blick auf New York inklusive Central Park und Financial District mit dem neuen One World Trade Center ist dann auch – wer hätte das gedacht – noch atemberaubender als vom Empire State Building aus. Und: Das Rockefeller Center wackelt nicht. Großer Pluspunkt für meine Nerven und mein Deodorant.

     Nach unserem Sonnenbad in 350 Metern Höhe geht’s mit der Subway zurück in unseren Hood. Nach einem kurzen Abstecher in die Bier- und Schnaps-Abteilung von Whole Foods Market für einen gekühlten Cider und Chili Lime Almonds – very delicious! – geht’s vor dem Spiel noch schnell in die Wohnung. Herr B. merkt an, dass er ja morgen Geburtstag hat und nach deutscher Zeit – es ist fast 18:00 Uhr – ja schon gleich 30 wird. Also, so schlussfolgert Herr B., müssten ja gleich schon die ersten Glückwünsche aus Deutschland eintrudeln. Ich versuche, die Erwartungshaltung zu drosseln und entgegne, dass viele wohl nicht um Punkt 18:00 Uhr amerikanischer Zeit bzw. 24:00 Uhr deutscher Zeit schreiben werden, weil viele aufgrund des Feiertags bestimmt etwas vorhaben (und es deshalb vielleicht nicht um Punkt 24:00 Uhr auf dem Schirm haben, zu gratulieren – aber das sage ich natürlich nicht). Herr B. guckt mich mit fragendem Blick an. Okay, jetzt schnell was einwerfen. Ich frage ihn, nach welcher Uhrzeit er denn eigentlich seinen Geburtstag feiern möchte. Nach der Zeit Zuhause oder der hier in Amerika. „Nach der diesigen“, antwortet Herr B. Also, diesig ist es heute nun wirklich nicht.

Um 19:00 Uhr machen wir uns los zum Yankees Stadion in der 161. Straße in Bronx. Als wir nach eingeplanten 45 Minuten mit der Subway ankommen und 10 Minuten später reibungslos im Stadion eintreffen, bin ich fast ein wenig enttäuscht. Nach Herrn B.’s Ausführungen über die Bronx mit nur 2% weißer Bevölkerung und einem großen Anteil an Hispanics und Schwarzen hätte ich erwartet, dass wir angeschossen, zumindest aber ausgeraubt werden würden. Vor dem Spiel kauft sich Herr B. noch ein New York Yankees-Cappi für läppische 45$. Das gehört einfach dazu bei so einem Spiel, sagt er. Und morgen sei ja auch sein Geburtstag. Interessant, Männer entschuldigen sich also auch für Lust-Einkäufe. Als wir unsere Plätze in der Nähe der ersten Base einnehmen, sind die anderen Besucher schon startklar für den „first Pitch“. „Startklar“ heißt, dass jeder Ami mit einem Bier oder einem XXXXXL-Softdrink und einem kleinen Snack für das erste Inning in Form eines Hamburgers, Hot Dogs, XL- Fries oder einer Pizza bewaffnet ist. Also läuft Herr B. los, um uns auch auszustatten. Damit wir nicht so als Touris auffallen. Nach gefühlt 30 Minuten ist er zurück – mit einem Budweiser. Mehr durfte er nicht kaufen („only one beer for each person“) und weil er sein Ticket nicht dabei hatte, wurde ihm der Zugang zu den Plätzen verwehrt. Irgendwie hat es Herr B. dann doch wieder rein geschafft und hält mir jetzt das Bier entgegen. Es muss wohl heilig sein, denn Herr B. musste dafür 15$ berappen. Also nippen wir abwechselnd und andächtig an unserem holy beer, während wir dem Spiel folgen.

      Das Spiel ist gut, auch wenn die Yankees 2:5 verlieren. Die Stimmung im Stadion ist wie bei einer großen Familienfeier. Genau so hatte ich es mir vorgestellt, wenn man es bei amerikanischen Sitcoms gesehen hatte. Alle 15 Minuten werden die Amis von einem Anfall plötzlichen Verhungerns übermannt und pilgern los zu den Food-Ständen. Um 21:00 Uhr verlassen auch Herr B. und ich zum ersten Mal unsere Plätze und kehren mit einem Bacon Cheese Single Burger und Fries Cheese zurück. Unsere Sitznachbarn sind nach Hot Dogs, Hamburger und Onion Wings bereits beim nächst höheren Level mit Eis, Popcorn und Nüssen angelangt. Wenn man bedenkt, dass es beim Baseball 162 Saisonspiele und davon 81 Heimspiele gibt, die sich ein Großteil der Amerikaner live im Stadion ansieht, dann müssten viele von ihnen ja einen fast übermenschlich gut funktionierenden Stoffwechsel haben. Oder eben – ganz offensichtlich – nicht.

Als Herr B. und ich um 0:30 Uhr ohne Zwischenfälle wieder in unserer Wohnung ankommen, stoßen wir mit gekühltem Angry Orchard Cider nach der diesigen Uhrzeit auf Herrn B.’s Geburtstag an und fallen anschließend wieder einmal totmüde in die Federn.

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