3. Tag in NYC – Hoch hinaus und tief berührt 

Die Aktivitäten für unseren 3. Tag in New York bespricht Herr B. vorsichtshalber noch am Abend vorher mit mir. Nach unserem stundenlangen Fußmarsch vom Pier zum MoMA am Vortag hatte ich wohl auf den letzten Metern nebenbei fallen lassen, dass ich mich auf der Stelle auf die Straße setze und keinen Schritt weitergehe, sollten wir nicht sofort am Ziel sein. So etwas macht Herrn B. Angst. In seinem Kosmos gibt es Gefühlsduselein wie Fußschmerzen nicht. Wenn man sich etwas vorgenommen hat, dann macht man das auch einfach. Ohne schmerzende Füße. Ein wenig fraglos, wie er nun mit mir als tickende Zeitbombe umgehen soll, was seinen gut strukturierten New York-Zeitplan betrifft, versucht er es also mit der hohen Kunst der Psychologie. Als wir am Abend im Bett den nächsten Tag durchgehen, wirft er immer wieder Phrasen ein wie „aber nur, wenn es nicht zu viel wird“, „das kannst du entscheiden“, „wie es passt“ und „wie du magst“. So habe ich das Gefühl, ich könnte alles selbst wählen. Ist schon ein Fuchs, der Herr B. In Wirklichkeit, und das weiß Herr B. genau so gut wie ich, wird er natürlich versuchen, seinen Kopf durchzusetzen.

Unser erstes Ziel ist das Empire State Building in Midtown Manhattan. Wir laufen zu Fuß, das sind gute 35 Straßen/45 Minuten. Denn trotz Plattfüßen am Abend lohnt sich der Verzicht auf die Subway. Man lernt eine Stadt zu Fuß einfach viel intensiver kennen und der Anblick der Häuserschluchten ist auch an Tag 2 immer noch faszinierend.

 Am Empire State Building angekommen, erwartet uns der nun schon bekannte Security Check-Up – und natürlich eine lange Schlange, obwohl wir uns als privilegierte New York City Pass-Besitzer in der kürzen einreihen dürfen. Ausgestattet mit einem Audio-Guide, den es für gefühlt alle Sprachen gibt, nur nicht für Deutsch, geht’s mit dem Aufzug in den 80. Stock, wo eine kleine Ausstellung zum Bau des Gebäudes eingerichtet ist. Von da aus geht es zu Fuß 6 Stockwerke weiter nach oben. Klar, wir hätten die letzten Meter auch wieder den Fahrstuhl nehmen können aber da wartet, genau, eine Menschenschlange auf uns. Auf den Stufen nach oben bekomme ich plötzlich das Gefühl, als würde das Gebäude ganz leicht wackeln. Mir wird kurz heiß und kalt und ich versuche mir nicht vorzustellen, dass ich gerade 300 Meter über New Yorks Straßen Treppen steige. Herr B. grinst mich an und kommentiert meinen leicht lädierten Gesichtsausdruck mit einem charmanten „Na, du siehst aber fertig aus – machste schlapp?“. Der großartige Blick vom Empire State Building entschädigt schließlich für alles:

 Für 20$ mehr (52$) hätten wir übrigens noch in den 102. Stock klettern dürfen. Nicht nur aus finanziellen Gründen verzichte ich dankend.

Zum Break geht’s mit einem Starbucks-Coffee in den Herald Square – ein Fleckchen Grün mitten in der Stadt. So etwas gibt es in NYC übrigens sehr oft, auch wenn das Hupen der Taxis und der allgemeine Stadtlärm natürlich auch hier noch präsent sind. Auf einer Mauer sitzend bietet sich uns ein schon oft gesehenes Bild aus New York City: ein Obdachloser mitsamt seinem Hab und Gut sitzt neben einem New Yorker mit Tablet auf dem Schoß, iPhone am Ohr und Rolex am Arm. Ich kann mich nicht erinnern, je eine derartige Absurdität an Nähe und gleichzeitig riesiger Distanz zwischen Arm und Reich gesehen zu haben.

Im Anschluss haben Herr B. und ich noch einen Auftrag. Zu seinem Geburtstag am kommenden Montag schenke ich ihm Karten für die Yankees gegen die Texas Rangers am 24. Mai im Yankee Stadion in der Bronx und wir müssen noch die Tickets ausdrucken. Das machen wir bei einem kleinen Copy Shop in der 32. Straße West. Herr B., nach dem Vorfall mit der 50 Cent-Gang am Times Square ein gebranntes Kind, mustert den japanischen Shop-Inhaber prüfend. Er scheint aber in Herrn B.’s Worten „sauber“ zu sein, denn er drückt ihm am Ende 1$ mehr in die Hand und sagt vor der Ladentür zu mir: „Es gibt doch noch gute Menschen.“ Oh weh, das 50 Cent-Trauma scheint sehr tief zu sitzen.

Langsam meldet sich der Hunger zu Wort und es zieht und zu Eisenberg’s, ein Sandwichshop in der 174 Straße, der uns wärmstens empfohlen wurde. Herr B. bestellt ein Phillie Cheese Steak mit Frischkäse, Paprika, Champignons, Zwiebeln und Rindfleisch und ich nehme ein Grilled Cheese Sandwich auf Pumpernickel.

  

Satt und glücklich geht es weiter zum letzten Ziel des heutigen Tages, zum Ground Zero im Financial District. Der Ort, der durch 9/11 traurige Berühmheit erlangt hat. Vorbei am One World Trad Center, das erst am 29. Mai eröffnet und das wir auf unserer Rückreise besuchen werden, geht es zum ehemaligen Platz des Nordturms. Im Umfang des Fundaments der Tower wurden hier und einige Meter weiter zwei Gedenkstätten eingerichtet, die an die 1000 Opfern erinnern.

Die Stimmung ist hier trotz des hohen Tourismus-Auflaufes bedrückend. So richtig vorstellen kann man sich nicht, dass all das, was man im Fernsehen gesehen hat, hier vor Ort passiert ist. Gleich nebenan ist das National September 11 Memorial & Museum mit einer Ausstellung. Auch hier erfolgt der obligatorische Check-Up. Das Gebäude des Museums ist riesig, das Licht ist gedämpft, fast aus, und die Einrichtung ist schwarz. Gleich zu Beginn der Ausstellung machen meterhohe Leinwände mit Originalbildern von Passanten zur Zeit des Unglücks um 8:46 Uhr die Dimension dieses Tages für die amerikanische Gesellschaft deutlich. Ein Gefühl von Fassungslosigkeit ist mein ständiger Begleiter während unseres 2-ständigen Rundgangs. Wir sehen Großaufnahmen von den brennenden Türmen, aus denen durch den Einschlag der Flugzeuge Tausende Blätter und kaputtes Glas der Fensterscheiben heraus gesprengt wurden. Wir sehen Bilder von weinenden Menschen, denen die Flucht aus den Türmen gelang. Fotos von blutüberströmten Menschen, die gestützt werden von Fremden, und Feuerwehrmänner, die im Schutt nach Überlebenden suchen. Im Museum stehen viele Originalgegenstände wie ein Feuerwehrwagen, der aufgrund der großen Hitze des Feuers teilweise geschmolzen ist. Riesige und massive Stahlträger der zwei Türme, die wie ein Stück Knete ihre Form verändert haben, hängen von der Decke herunter. Und es werden viele emotionale Geschichten erzählt, von Opfern, von Angehörigen und von Zeitzeugen. Wir sehen ein rotes Kleid in Miniformat, das ein 2-jähriges Baby trug, das an Bord der Maschine war, die ins Pentagon stürzte.

Als wir die Ausstellung verlassen ist es fast 20:00 Uhr und die Sonne geht gerade langsam unter. Obwohl die Temperaturen noch recht angenehm sind, fröstelt es mich ein bisschen.

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