2. Tag in NYC – Man lernt nie aus…

Die erste Nacht in unserer Unterkunft war, trotz einer Matratze mit einem Härtegrad von -10 (falls es das überhaupt gibt) und herunterfallendem Bilderrahmen, der uns senkrecht im Bett stehen lies, gut. Herrn B.’s erste Frage nach dem Aufstehen gilt unserem Host Ty: „Ist er wohl noch da oder schon weg?“ Ty hatte ja seine Abwesenheit während unseres Besuchs angekündigt. Draußen auf dem Flur ist alles still, vielleicht auch, weil es erst 6:00 Uhr früh ist. Wir sind ja gestern schon um 20:00 todmüde ins Bett gefallen. Ich schlage vor, uns erst mal einen English Breakfast Tea zu machen. Davon gibt es bei Ty reichlich und er bot uns am Vorabend an, uns gern und reichlich zu bedienen. Bei meiner Suche in der Küche nach Kaffeetassen werde ich dann tatsächlich von Herrn B.’s messerscharfem Menschenverstand überzeugt: Gerade als ich einen überdimensionalen Mug-Becher mit der Aufschrift „Gay“ aus dem Schrank ziehe, geht Tys Schlafzimmertür auf und heraus tappst ein verschlafener Mann, der eindeutig nicht unser Host Ty ist und aussieht wie der junge Freddie Mercury. Chapeau, Herr B.!

Auf der Suche nach einem Frühstück landen wir in dem wenig amerikanischen, dafür schön sonnigen Café Maison Kayser mitten am Broadway, Ecke 21. Straße, direkt beim Empire State Building. Herr B. bestellt einen Croque Madame und einen Cappuccino und ich wähle ein Brioche mit Apple & Cinnamon Müsli und einen – Vorsicht! Lehrstunde Nr. 1 – Latte Macchiato. Was dann anstelle eines leckeren, in einem hohen Glas mit Milch aufgeschäumten Espresso kommt, hätte ich eigentlich wissen sollen: ein Single Espresso. Im Fingerhut. Denn so wie die wenigsten Amis etwas mit dem Begriff „Sparkling Water“ anzufangen wissen, kennt hier auch niemand unser Yuppie-Getränk Nr. 1. Herr B. beißt mittlerweile herzhaft in seine Madame, als der Kellner mir mitteilt, dass meine Bestellung leider aus ist. Okay, nehme ich also den Standard-Brioche ohne viel Schnick-Schnack. Und was sich nach ca. 10 Minuten zu meinem Fingerhut-Latte Macchiato gesellt, hat mit dem Wort Schnick-Schnack tatsächlich reichlich wenig zu tun. Es ist ein seltsam geschrumpftes Brioche mit zwei Streifen Butter. Bon Appetit!

Nach diesem grandiosen Mahl, beides zusammen für stolze 25€ umgerechnet, machen wir los zum Time Square. Wir sind beeindruckt von den tiefen Häuserschluchten, die man an jeder Straßenecke zu Gesicht bekommt, von dem vielen Taxis und dem Lärm.

Aber es gelingt uns, uns in den Strom der Menschen einzureihen und mit ihnen wie in eine Traube von Ampel zu Ampel zu gleiten. Und so viel schneller als in Hamburg muss man hier auch gar nicht gehen, bemerkt Herr B. und fügt hinzu: „Ich hab ja eh immer einen flotten Gang drauf.“ „Ach, und ich nicht?“, frage ich überrascht. „Du kannst bei deinem Tempo nebenbei einen Picknickkorb und eine Decke herausholen und ein Päuschen machen.“ Sehr charmant heute, der Herr B. Am Time Square angekommen, werden erst einmal mit meiner heiß geliebten Canon EOS 600D Fotos gemacht. Als wir gerade weiterziehen wollen, tauchen neben uns zwei Männer im 50 Cent-Hip Hop-Style auf. Sie begrüßen uns mit einem „Hey yo man, where are you coming from?“ und der kleinere von beiden streckt Herrn B. die Hand entgegen. Aus einem für Herrn B. später nicht mehr nachvollziehbaren Grund – Vorsicht! Lehrstunde Nr. 2 – bleibt er kurz stehen, erwidert den Händedruck und antwortet: „From Germany“ – und bringt damit den ersten Dominostein zu Fall. Der Typ ruft euphorisch „Ah, Germany, Michael Ballack!“ – hier hätten wir stutzig werden müssen, wer nennt schon oder noch Ballack als best known German? – und er schafft es irgendwie, uns in ein Gespräch zu verwickeln. Plötzlich hat Herr B. ungefragt eine und ich zwei signierte CDs mit Hip Hop Musik in der Hand. Ich kann mich gerade noch versichern, dass Tasche und Kamera noch da sind. Die Typen überschlagen sich fast, sind aber weiterhin sehr freundlich, und plötzlich wird die Summe besprochen, die wir für die Hausmusik hinlegen wollen. Hab ich was verpasst – was ist denn jetzt passiert? Herr B. zückt aus einem Grund, der ihm trotz späterem, stundenlangem Grübeln schleierhaft geblieben ist, einen 5 Dollarschein. Das reicht den Typen nicht – sie wollen mehr. Mindestens 10 Dollar! Herr B. und ich kratzen gerade noch rechtzeitig die Kurve, bevor die mittlerweile zu einer Gang gewachsene 2-Mann-Fraktion die Geldfrage auf eigene Faust löst – mit einer der drei signierten CDs und 5 Dollar weniger im Gepäck.

Zur Beruhigung der aufgeheizten Gemüter geht es in den Central Park – ein grünes Paradies umgeben von riesigen Wolkenkratzern. Doch so ganz sind die Wogen bei Herrn B. noch nicht geglättet. Zu fassungslos ist er über das Erlebnis am Time Square und was theoretisch hätte passieren können. Sogar der Halt bei einem Eiswagen wird nur widerwillig geduldet – aus Sorge um mögliche Verfolger. Da zeigt das Ansehen zahlreicher Actionfilme mit Drehort New York wohl langsam seine Wirkung.

Wir müssen auf andere Gedanken kommen. Und was für New Yorker ein Coffee to go ist, ist für uns Hamburger das Wasser. Also schlendern wir 15 Straßen und 4 Blocks zum Pier 84. Wegen des bevorstehenden Memorial Day ist das Aufgebot an Polizei riesig. Wo waren die bitte eben beim Time Square? Herr B. warnt mich vor: „Wenn die dich verfolgen und du rennst weg, erschießen die dich.“ Gut zu wissen, aber das habe ich eigentlich nicht vor. Vor Ort lösen wir die erste Aktion aus unserem New York City Pass ein, die Liberty Cruise Tour (29 Dollar – im City Pass für 114 $ sind 6 Attraktionen enthalten) und gehen an Bord einer Fähre, die uns zur Freiheitsstaue bringt. Ganz oben an Deck können wir einen schönen Platz in der Sonne ergattern. Ach ja, die Sonne… Trotz bestens ausgestatteter Reiseapotheke hatten wir beim morgendlichen Packen des Rucksacks eins vergessen: die Sonnencreme. Das fällt mir ein, als ich jetzt in Herrn B.’s leicht rötliches Gesicht blicke. Zum Glück haben wir Aprés Sun Lotion dabei – also natürlich in unserem Apartment bei Ty, meine ich. Die Rundfahrt ist trotz aufgeregter Chinesen, die hektisch knipsend von einer Seite des Decks zur anderen laufen, je nachdem, über welche Sehenswürdigkeit der Guide über den Lautsprecher gerade spricht, sowie ein paar, für Herrn B.’s Gesicht kühlende Refentropfen großartig. Wir können den gesamten Financial District inklusive World Trade Center im Lower Manhattan und die komplette Skyline bestaunen und natürlich die State of Liberty.

        

Um 15:15 Uhr gehen wir von Bord und beschließen, dass noch Zeit für eine weitere Attraktion ist. Also geht es zum Metropolitan Museum of Modern Art in die 82. Straße – ganze 10 Blocks und 40 Straße Richtung Norden. Zu Fuß. Diese machen sich ab Block 5 immer deutlicher bemerkbar. Aber Herr B. schafft es mit motivierenden Durchhalteparolen wie „Es sind nur noch 20 Straßen!“, dass wir im MOMA ankommen. Hier genießen wir bei einem erfrischendem Wasser auf den Stufen des Museums die letzten Sonnenstrahlen des Tages, bevor wir zum Abschluss noch etwas Kultur tanken.

Den Abend lassen wir bei einem Burger für Herrn B. und – Vorsicht! Lehrstunde Nr. 3 – einem Salat für mich bei Boulton & Watt bei uns um die Ecke in der Lower East Side ausklingen. Ich kann es kurz machen: Ich glaube es ist eher untypisch, in Amerika mit knurrendem Magen ins Bett zu gehen. Und wahrscheinlich ist es auch eher untypisch, in Amerika Salat zu essen. Mit drei Salatblättern, 2 Avocadostreifen, 1 Zwiebelring und 2 Gambas für 19$ bleibe ich meinem heutigen Motto was das Preis-/Leistungsverhältnis bei Gerichten betrifft zumindest treu.

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