Lebenszeit

All die Jahre lief sie durch ihr Leben.
Und sah sich selbst beim Laufen zu.
Bog mal links ab und mal rechts.
Aber fühlte nichts dabei.
Das Leben lebte so vor sich hin.
Ganz still und heimlich.
Doch der Sinn von dem, was sie hier eigentlich machte, erschloss sich ihr nie.
Sie wachte morgens auf – aber wusste nicht warum.
Sie atmete aus und ein – aber wusste nicht warum.
Sie lebte, von Montag bis Sonntag – aber wusste nicht warum.
Bis sie eines Tages getroffen wurde, vom Leben, mit all seinen bunten Facetten. Es war wie ein Blitzschlag. Das Leben packte sie bei den Schultern und schrie: „Hier bin ich! Leb mich, verdammt noch mal, mit jeder Faser deines Herzens! Atme so viel Luft, bis dir schwindelig wird. Lauf, so lang und so weit dich deine Füße tragen. Lache, bis dein Bauch schmerzt. Und weine, bis du keine Tränen mehr hast. Aber begreife endlich das unglaubliche Wunder, dass dir zuteil geworden ist: Du lebst!“
Und sie tat genau das. Immer und immer wieder. Als sie erschöpft auf den kalten Steinboden sank, ihr Brustkorb sich heftig auf und ab bewegte, ihre Beine schmerzten und ihr Herz raste, fühlte sie sich so lebendig wie schon lange nicht mehr in ihrem Leben.

 

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