„Entschuldigung, haben Sie vielleicht eine Meinung?“

Gestern machte ich bei einem meiner eher seltenen Streifzüge durch die Hamburger Innenstadt eine interessante Beobachtung. Nach erfolgreicher Ausbeute, die anhand der drei Einkaufstüten in meiner linken Hand und der drei an meinem rechten Arm baumelnden und sich ins Fleisch einschneidenden Beutel nur allzu offensichtlich war, gönnte ich mir eine Verschnaufpause in einem kleinen Café. Da diese aus einem mir nicht ersichtlichen Grund in der Innenstadt dünn gesät sind, entschied ich mich gegen die zahlreichen Kaffeeketten und steuerte auf den kleinen Italiener in der Spitalerstraße, Ecke Mönckebergstraße zu. Hier schmeckt nicht nur der Cappuccino ganz wunderbar. Auch der Blick auf das hektische Treiben vor der Fensterscheibe ist einmalig. Und für mich gibt’s jedes Mal eine Portion Lebensgenuss gratis dazu, denn nichts ist schöner, als die verzweifelt ihrem Leben hinterher eilenden Menschen mit ihren gestressten, beinahe schmerzverzerrten Gesichtern zu beobachten und dabei zu denken: Lauft nur, ihr Idioten! Die nächste rote Ampel, die Schlange an der Kasse oder einer der unzähligen Sonntagsfahrer wird eurer unnötigen Hektik schneller ein Ende bereiten als euch lieb ist.

In dem Moment also, als ich dort im Café saß, mich an meinem Heißgetränk wärmte und den Kopf schüttelte über so viel unnötig vergeudete Lebensenergie, da wurde meine Aufmerksamkeit von zwei Mittzwanzigern geweckt – eine junge Frau und ein Mann -, die mit Zettel und Stift unterm Arm Passanten ansprachen. Oder es zumindest versuchten. Was ich aus der Entfernung auf den Klemmbrettern entziffern konnte, musste es eine Bürgerbefragung oder eine Umfrage zu einem aktuellen Thema aus der Hamburger Politik sein – irgendeine „gute Sache“ (ganz ernst und ohne Anführungszeichen gemeint). Nach Abo-Verkäufern sahen sie jedenfalls nicht aus. Ich weiß nicht, warum mein Blick an den beiden hängen blieb. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich so ein Szenario in Hamburgs Innenstadt sehe, eher das 500. Aber diese Situation war anders. Oder vielleicht betrachtete ich sie auch einfach nur sehr aufmerksam und es fiel mir deshalb auf. Jedes Mal, wenn die Frau oder der Mann auf einen Passanten zuging, nicht aufdringlich oder forsch, sondern freundlich, offen und mit einem sympathischen Lächeln auf den Lippen, drehten die Personen ab, wichen aus, ja, flohen beinahe, als hätten sie Angst, einer der beiden würde gleich mit faulen Eiern nach ihnen werfen. Ich stutzte. Jeder hat mal einen schlechten Tag oder wird in einem Moment erwischt, in dem das Ansprechen durch Fremde das Letzte ist, worauf man Lust hat. Schon gar nicht, wenn sie bewaffnet sind, zum Beispiel mit einem Klemmbrett. Denn woher soll man wissen, ob die freundliche Dame einem später nicht Dank der Unterschrift für den „guten Zweck“ (dieses Mal sind die Anführungszeichen genau so gemeint) eine hochmoderne und unbeschreiblich teure Waschmaschine in Rechnung stellt? Oder wie ich, die mit 16 unfreiwillig zur Jahres-Abonnentin der Bravo wurde, obwohl ich meine Unterschrift eigentlich nur für ein Gewinnspiel hergegeben hatte, bei dem es diese tolle Basttasche samt Strandausrüstung zu gewinnen gab… Trotzdem. Trotz dieser Erklärungen und Gründe erschreckte mich diese negative und misstrauische Haltung zutiefst. Dieses Nichtbeachten, dieses Nichtanhören. Die Leute wollen doch immer nach ihrer Meinung gefragt werden und beschweren sich, wenn über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Warum haben sie dann nicht die Zeit, stehen zu bleiben, sich das Thema anzuhören und gegebenfalls durch eine Unterschrift ihre Meinung zu vertreten? Weil sie schon zwei to do’s auf ihrer Mittagspausen-to-do-Liste im Rückstand sind? Ist ihnen ihre Meinung für die notdürftige Renovierung der Stadtteilschule in Eimsbüttel, oder für was auch immer die beiden unterwegs waren, nicht wichtig genug? Oder sind die Leute eingeschüchtert wegen des aktuellen Hypes um NSA-Überwachungen und Datenklau? Nur um sich zwei Meter weiter mit ihrem Smartphone bei Facebook einzuloggen, im Lauf noch eben schnell eine Whatsapp-Nachricht zu versenden oder in letzter Minute via Online-Banking die Miete zu überweisen? Ist es nicht vielleicht einfach nur so, dass ein Großteil der Leute die scheinbare Anonymität im Netz vorzieht? Dort, wo sie durch Klicken des Like-Buttons so schön bequem ihre Meinung kundtun können und sich nicht aufwendig auf einem Blatt Papier verewigen müssen, um so mit der eigenen, persönlichen Handschrift für etwas zu bürgen? Ja, und für was dann eigentlich? Da wollen diejenigen sich vorher erst umfassend drüber informieren, wohingegen sie sich in den sozialen Netzwerken oder auf Otto und Amazon.de schon mit einem ansprechenden Produktbild zufrieden geben, um Name und Bankverbindung einzutippen.

Als ich gerade die Rechnung bestellt hatte und darüber nachdachte, wie viel Zustimmung die Aktion wohl jetzt schon auf einer eigens dafür eingerichteten Facebookseite gefunden hätte, sah ich, wie die beiden Unterschriftensammler ihre Zelte vor dem Café abbrachen. Sie wirkten weder enttäuscht noch resigniert, trotz der mit Sicherheit mehr als 30 Passanten, die sie in nur einer Stunde mit bloßer Ignoranz gestraft hatten. Das nenne ich mal Einsatz! Was wohl jetzt ihr Plan war? Vermutlich zogen sie weiter, zu einem Platz, wo die Leute kommunikativer waren. Richtung St. Pauli? Oder nach Eppendorf, wo die Leute sich so gern selbst reden hören. In Gedanken wünschte ich ihnen viel Glück dabei und hoffte, dass sie fündig werden würden – bei der Suche nach einem Menschen mit einer Meinung.

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