Die 5-Minuten-später-SMS

Vor einiger Zeit kam ich nach einem feucht-fröhlichen Abend auf dem Hamburger Berg in den zweifelhaften Genuss, ein Leben ohne Smartphone zu führen. Und, was soll ich sagen – es war eine interessante Erfahrung.

Nachdem ich also nach jenem besagten Erlebnis von nun an handylos durchs Leben zog, fühlte ich mich ein wenig wie in ein früheres Jahrhundert zurückversetzt. Abgeschnitten von der minutiösen SMS- und Whatsapp-Kommunikation und ohne mobiles Facebook und Telefonbespaßung für unterwegs erforderte jeder Gang vor die Haustür eine genaue Planung. Keine Rezeptzutaten und keine Bahnverbindung konnte unterwegs mal schnell gegoogelt werden und die für mich lebensrettenden Google Maps waren von einem auf den anderen Tag nicht mehr zugänglich – eine Katastrophe für jemanden wie mich, der des Öfteren kopflos aber vor allem ohne Orientierungssinn durchs Leben geht! Wie hatte ich das nur früher gemacht? Neben dem Verlust meiner mobilen Ortungshilfe wurde schnell klar, was von nun an meine größte Herausforderung werden sollte: Als notorische Zu-spät-Kommerin musste ich – wider meiner Natur – plötzlich pünktlich sein! Keine „Mein Fahrrad hat einen Platten… Ich bin 5 Minuten später da. Halt schon mal einen Platz frei.“-SMS, die übersetzt natürlich nicht mehr bedeutete als: „Ich hab mal wieder die Zeit verdaddelt und werd mich erst in einer halben Stunde los machen, weil ich mich noch fertig machen muss. Ich bin spätestens in 45 Minuten da.“ Schon bei dem Gedanken daran trieb es mir die Schweißperlen auf die Stirn. Denn egal ob eine Kino-Date, das romantische Dinner beim Italiener, die letzte Bahn nach Hause oder ein wichtiges Vorstellungsgespräch – es ist mir nahezu unmöglich, den Treffpunkt zu einer annähernd entschuldbaren Zeit zu erreichen, ohne vorher einen kräfte- und schweißtreibenden Dauerlauf oder einen rekordverdächtigen Sprint mit dem Rad hinzulegen. Vielleicht, weil es mir ein Graus ist, mein Leben nach Uhrzeiten zu richten wie es mir damals in der Schule der Stundenplan diktierte. (Vielleicht ist das aber gerade auch nur ein ganz schwacher Versuch von mir, dem Ganzen einen rebellischen Charakter zu verleihen und so das Verständnis der vergangenen und zukünftigen Wartenden zu erhaschen. ;-))

Bei meiner ersten handylosen Verabredung machte ich auf jeden Fall alles richtig. Ich beachtete die vier goldenen Pünktlichkeitsregeln – Beförderungsmittel auswählen (Bus, Bahn, Rad, Auto), Fahrzeit REALISTISCH einschätzen, keine Telefongespräche/Ich-vergess-die Zeit-Lieblingsserien oder andere Experimente kurz vor Aufbruch, Styling-Puffer einplanen – und war pünktlich am Treffpunkt – im Gegensatz zu meiner Verabredung. Da stand ich nun vor der Bar und fühlte mich wie bestellt und nicht abgeholt. So erging es also den anderen immer, wenn ich meine 5-Minuten-später-SMS absetzte… Während ich also da stand und mir schwor, nie wieder pünktlich zu einem Treffen aufzubrechen, musste ich plötzlich an meine Kindheit in dem beschaulichen Dörfchen bei Hannover denken, in dem meine Eltern heute noch leben. Besser gesagt an die Straßenkreuzung oberhalb meines Elternhauses. Dort, wo meine beste Freundin und ich uns während unserer Grundschulzeit und in der Orientierungsstufe viel zu früh im Morgengrauen trafen, um gemeinsam den Weg zur Schule anzutreten – manchmal mehr aber meistens weniger motiviert. Auf den ersten Blick war es eine ganz gewöhnliche Kreuzung. Doch von hier hatte ich den perfekten Einblick in die abgehenden Straßen und konnte sogar das Elternhaus meiner Freundin sehen. Wenn ich hier stand, auf meine Freundin wartend, fühlte ich mich wie ein Förster auf seinem Hochsitz. Ich brauchte nur zu warten, bis sich in der Ferne das Gartentor öffnete und ein Blondschopf mit Pferdeschwanz und überdimensionalen Schulranzen (später war es natürlich ein Eastpak) heraus trat und den Weg in Richtung Kreuzung ansteuerte.

Wie war das eigentlich „damals“, irgendwann Mitte der 1990er Jahre, als die Schlaghose die Karottenjeans ablöste und Eastpak-Rucksäcke mit Edding-Kritzelein der letzte Schrei waren? Als es cool war, Socken vorne in die Schuhe zu stopfen und die Lieblingssongs aus dem Radio auf Kassette gespielt wurden? Es war vor allem eins; eine Zeit ohne ständige Kommunikation via Handy (geschweige denn, Smartphones). Verabredungen wurden in der Schule oder am Festnetztelefon, das natürlich im Flur stand, vereinbart. Und das Wichtigste: Sie mussten eingehalten werden. Und das soll funktioniert haben? Ich denke, nicht immer. Aber wahrscheinlich hat man es damals einfach ernster genommen – so ganz ohne die Möglichkeit, eine 5-Minuten-später-SMS abzusetzen. Vielleicht waren die Wartenden früher entspannter. Was blieb ihnen auch anderes übrig, als zu warten? Und wie hatten wir uns eigentlich die Wartezeit vertrieben, so ganz ohne Facebook & Co.? In Dauerschleife Englischvokabeln für den Test in der ersten Stunde durch die Gehirnwindungen gejagt? Das wäre zumindest eine Erklärung für das aktuell bescheidene Abschneiden deutscher Schüler bei PISA & Co. Vermutlich haben es die Wartenden in den 90ern genau so gemacht wie ich damals mit 11; auf ihrem Aussichtsposten verharrend die Augen fest zusammen gekniffen und sehnsüchtig in die Richtung gestarrt, aus der die Verabredung jeden Moment auftauchen müsste.

Wie meine Verabredung, die in dieser Minute um die Ecke bog und mich mit einer „Sorry für die Verspätung… Wartest du schon lange?“-Entschuldigung aus meinen Gedanken riss. Wie lange hatte ich eigentlich gewartet? Ich hätte es nicht sagen können – und musste schmunzeln.

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